Zweiter Tag beim “Digitalschub”: Veränderungsprozesse und digitale Helferlein

IMAG1009 Die ersten Meter sind gemacht: Der zweite Tag beim verlagsinternen Projekt “Digitalschub” beschäftigte sich mit der Psychologie von Veränderungsprozessen und praktischen Beispielen, wie digitale Unternehmen heute arbeiten und wie sie kreative Prozesse und Strukturen für ihren Erfolg nutzen. In zwei abteilungsübergreifenden Intensivschulungen in den Konferenzräumen des Holiday Inn in Minden wurden alle Mitarbeiter ins Thema gebracht. Ziel des Weiterbildungs- und Motivationsprojektes ist es, die Verlagsabteilungen auf die Herausforderungen der Digitalisierung vorzubereiten und zu resümieren, was in diesem Bereich in den vergangenen Jahren bereits geleistet wurde. Im Idealfall sorgt der “Digitalschub” nicht nur für viel neues Know-How in den Köpfen, sondern auch für zahlreiche Ideen, wie das Verlagshaus sich künftig digital weiterentwickeln kann.

Prof. Dr. Katja Nettesheim und Kerstin Sarah von Appen von der Berliner Agentur „Mediate“ vertieften die Themen, die bereits bei der Auftaktveranstaltung am Dienstag angerissenen wurden, in zwei Seminaren mit den Titeln “Veränderungsfreude” und “Moderne Methoden, die (Leben und) Arbeiten erleichtern”. Um die aktuelle Produktion der Zeitung zu sichern und trotzdem allen Mitarbeitern die Möglichkeit zur Teilnahme zu geben, fanden alle Seminare drei Mal in identischer Weise statt.

IMAG1020Kerstin Sarah von Appen beschäftigte sich in ihrer Schulung zum Thema “Veränderungsfreude” vor allem mit der Frage: Wie wirken sich Veränderungsprozesse auf die eigene Person aus? Zunächst machte sie dabei allen Mut: “Durch das Tal der Trauer müssen alle gehen.” Veränderung, so die Botschaft der Berlinerin, sei für niemanden angenehm, dennoch sei der Mensch damit auch nicht annähernd so überfordert, wie er das mitunter selbst empfinde. “Am Ende steht sogar meistens ein größeres Selbstbewusstsein, wir trauen uns mehr zu.” Bis dahin sei es aber, sowohl im privaten als auch im beruflichen Umfeld, mitunter ein langer Weg. Vom Schockzustand (Muss ich wirklich umziehen?), zur Ignoranz (Vielleicht ändert sich ja noch etwas und ich kann doch bleiben?) bis hin zur Akzeptanz (Wie soll das nur werden?) und damit der Trauer als solcher. “Verdrängungsprozesse sind ganz normal, aber irgendwann müssen Strategien gefunden werden, sie zu überwinden”, sagte von Appen zum Publikum. Dies sei auch Aufgabe der Vorgesetzen: Den Mitarbeitern die Angst zu nehmen und ihnen neue Wege zu zeigen. “In erster Linie muss man da aber selbst durch.” Jeder müsse seine eigenen Strategien finden, die neue Situation anzunehmen und für sich aktiv zu gestalten.

IMAG1015Katja Nettesheim ging in ihrem Seminar “Moderne Methoden, die (Leben und) Arbeiten erleichtern” vor allem auf die Möglichkeiten des “Design Thinking” ein. Die Methode zur Förderung der Kreativität und Entwicklung neuer Ideen setzt vor allem auf eine enge Orientierung am Kunden. Nicht das Bauchgefühl zähle, sondern das, was der treue Kunde sich wünsche, so Nettesheim. “Fragen sie sich immer: Welches Problem möchte der Kunde mit meinem Produkt lösen?” Häufig komme man so schnell zur Lösung, warum bestimmte Produkte nicht mehr so erfolgreich seien, wie in der Vergangenheit. Mit praktischen Beispielen erläuterte Katja Nettesheim, wie der Kunde der Schlüssel zu einer neuen Ausrichtung des Unternehmens sei. “Definieren sie den Kunden, definieren sie das Problem und dann entwickeln sie Ideen, wie sie es lösen können.” Brainstorming sei dann die richtige Wahl. “Zunächst müssen alle Ideen auf den Tisch, damit keine vergessen wird.” Dann, so der Appell der Expertin, müsse so schnell wie möglich ein Prototyp her, der am Kunden getestet werde. “Das ist viel günstiger, als zunächst die hohen Entwicklungskosten zu zahlen und nachher zu sehen, dass man doch am Kunden vorbei geplant hat”, so die Berlinerin. Digitale Unternehmen profitierten vor allem von Iteration: Entwickeln, Erfolg messen, lernen, entwickeln…” So werde das Produkt ständig verbessert.IMAG1016

Nach den beiden Seminaren ziehen die Mediate-Expertinnen jetzt zunächst ein Resümee, um die weiteren Schritte des “Digitalschubs” zu entwickeln.

 

Glückwunsch: Lokalsender Radio Westfalica wird 25 Jahre alt

"Menschen von hier machen Porgramm für Menschen von hier": So becshreibt RadioWestfalica-Chefredakteur Ingo Tölle das Erfolgsrezept seines Teams. Fotos: Alex Lehn

“Menschen von hier machen Programm für Menschen von hier”: So beschreibt RadioWestfalica-Chefredakteur Ingo Tölle das Erfolgsrezept seines Teams. Im Bild die Moderatoren Nadine Hofmeier (links) und Boris Tegtmeier (rechts), dazwischen die komplette Mannschaft. Fotos: Alex Lehn

“Wir machen Programm mit Menschen von hier für Menschen von hier“. So erklärt Chefredakteur Ingo Tölle den Erfolg von Radio Westfalica. Zu seinem 25. Geburtstag steht das Lokalradio glänzend da. Es erreicht fast 50 Prozent der Bewohner des Mühlenkreises und liegt damit in der Spitzengruppe der Lokalradios. Anders ausgedrückt hören täglich rund 150 000 Menschen durchschnittlich drei Stunden lang Radio Westfalica. Ihnen wollen die Radiomacher eine „gesunde Mischung aus Spaß und guten Geschichten aus der Region“ bieten.

Einen Beitrag zum Erfolg lieferte die deutliche Ausdehnung der Sendezeiten. Bis 2012 wurde werktags von 6 bis 10 Uhr, 10 bis 12 Uhr und von 15 bis 18 Uhr lokales Programm aus dem Studio am Johanniskirchhof gesendet. Seit vergangenem Jahr kooperieren Radio Westfalica und Radio Herford und decken nun gemeinsam die Zeit von 5 bis 20 Uhr ab, berichtet Tölle. Die Morgenshow mit den „Vier von hier“ – den Moderatoren Nadine Hofmeier, Jan-Philipp Ehlers (Pola), Oliver Rose und Ingo Take – läuft montags bis freitags von 5 bis 10 Uhr und wird in Minden produziert. Herforder Themen werden ebenfalls bedient. Zwischen 10 und 15 Uhr sitzt der Moderator für beide Kanäle in Herford. Die anschließende Sendung „Von 3 bis frei“ wird dann wieder für beide Sender am Johanniskirchhof produziert. Danach ist bis 20 Uhr wieder Radio Westfalica dran. Samstags wird von 7 bis 12 Uhr Programm gemacht, sonntags von 9 bis 14 Uhr.

Zu allen Zeiten werden trotzdem jeweils für Herford und Minden eigene Inhalte geboten. „Das ist technisch sehr anspruchsvoll“, erläutert der Chefredakteur. Es erfordert eine sehr genaue Abstimmung zwischen beiden Redaktionen, dazu disziplinierte Mitarbeiter. Denn die maximale Abweichung zwischen beiden Liveprogrammen darf 0,2 Sekunden betragen. Gutes Timing ist Pflicht, denn Stille ist im Radio tödlich.

„Die Kooperation versetzt uns beide in die Lage, mehr lokales Programm zu machen“, sagt Tölle. Damit sei zugleich Arbeitskapazität an anderen Stellen frei geworden, die zum Beispiel ein Mehr an Beiträgen aus der Region bedeuten.

Das Programm, das live über den Sender geht, ist auch beim Radio schon längst nur eine Baustelle. Die andere heißt Internet: Nachrichten, Videos, Kommunikation über die sozialen Netzwerke – das wird mit genauso viel Engagement betrieben wie der Sendebetrieb. Die Änderung im Mediennutzungsverhalten spiele auch für die Lokalradios eine „Riesenrolle“. Wie wird der Sender auf dem Smartphone gefunden? Das ist eine der zentralen Fragen, ebenso wie zielgerichtete Angebote für einzelne Nutzergruppen. „Lokale Medieninhalte sind der Grundpfeiler einer demokratischen Gesellschaft“, formuliert Ingo Tölle eine Überzeugung, die zugleich Anspruch ist.

Der gebürtige Herforder (Jahrgang 1972), der als Pioniertaucher in Minden stationiert war, studierte The-ater-, Film- und Fernsehwissenschaft, Pädagogik und Publizistik in Bochum und Berlin, erlebte die Anfänge des Lokalradios 1993 als Volontär bei Radio Herford. „Das war die Zeit einer gewissen Anarchie. Einige machten öffentlich-rechtliches Radio mit geringeren Mitteln, andere folgten allein dem Spaßfaktor“, erinnert sich Tölle.

Die Zeiten sind vorbei. Radio Westfalica ist von fünf Mitarbeitern auf die doppelte Anzahl gewachsen. Dazu kommen noch acht freie Mitarbeiter. Gemeinsam sorgen sie immer gut gelaunt dafür, dass die Hörer gut unterhalten und informiert werden. „Ich glaube, der Mix macht den Erfolg aus“, ist Tölle überzeugt und nennt Musik, Unterhaltung, Nachrichten, Wetter und Verkehr als die wichtigsten Zutaten.

Hintergrund: Lokalfunk in Nordrhein-Westfalen

  • Basis des privaten Rundfunks in NRW ist das Zweisäulenmodell. Die pluralistisch zusammengesetzte Veranstaltergemeinschaft ist verantwortlich für das Programm und Arbeitgeber. In dem Gremium sind gesellschaftlich relevante Gruppen vertreten. Die Betriebsgesellschaft, an der die örtlichen Zeitungsverlage und die Kommunen beteiligt sind, ist für den wirtschaftlichen Betrieb des Senders zuständig. Bei Radio Westfalica ist der MT-Verlag J.C.C.Bruns größter Einzelgesellschafter.
  • In NRW gibt es 45 Lokalradios, die wochentags mindest fünf Stunden Sendezeit gestalten.
  • Das Rahmenprogramm liefert Radio NRW mit Sitz in Oberhausen. Es versorgt die Stationen mit Weltnachrichten, Beiträgen von Korrespondenten aus aller Welt und dem kompletten Musikprogramm.
  • Als erster privater Lokalradio-Sender ging am 1. April 1990 Radio Duisburg auf Sendung.

Hintergrund: Radio Westfalica

  • Radio Westfalica startete am 22. Juni 1991 sein Programm. Erster Chefredakteur war Ralf Huber. 1997 folgte Markus Augustiniak. Seit 2009 leitet Ingo Tölle das Team – mit einer kurzen Unterbrechung. Er war bis zum Frühjahr ein Jahr lang als Programmdirektor bei Radio NRW tätig.
  • Neben Nadine Hofmeier, Jan-Philipp Ehlers (Pola), Oliver Rose und Ingo Take, die aktuell die Morgenshow moderieren, prägte Carsten Dehnes Stimme den Sender. Er hatte im August 1991 bei Radio Westfalica angefangen, nicht nur viele Sendungen moderiert, sondern war als Reporter bei unzähligen Handballspielen im Einsatz. Seit einem Jahr ist er Chefredakteur von Radio Herford.
  • Von Anbeginn an hat der Bürgerfunk feste Sendezeiten im Lokalradio. Auf der Frequenz von Radio Westfalica dürfen die freien Gruppen täglich von 20 bis 21 Uhr im Offenen Kanal senden – aktuell sind das Mikro Minden, VHS Bad Oeynhausen, die Medienwerkstätten Lübbecke und Rahden-Wehe. Die Volkshochschulen, die in der Veranstaltergemeinschaft vertreten sind, unterstützen die Bürgerfunker.
  • Das Verhältnis zwischen Radio Westfalica und den Bürgerfunkern ist freundschaftlich. Der Sender prämiert jedes Jahr die besten Bürgerfunk-Beiträge.

Volle Kraft voraus: Kräftiger “Digitalschub” für den Weg in die MT-Zukunft

Verlagsleiter Carsten Lohmann schilderte zu Beginn  der Veranstaltung seine ganz persönliche Digitalisierung, beginnend mit einem Commodore C64 mit Datasette. Foto: chp

Verlagsleiter Carsten Lohmann (rechts) schilderte zu Beginn der Veranstaltung seine ganz persönliche Digitalisierung, beginnend mit einem Commodore C64 mit Datasette. Foto: chp

Volles Haus im großen Konferenzraum unterm Dach des MT-Gebäudekomplexes zwischen Obermarkt- und Ritterstraße – und das gleich zweimal hintereinander an einem Tag: Zum Auftakt des verlagsinternen Projekts “Digitalschub” war nahezu die gesamte Belegschaft anwesend, wegen der dafür dann doch zu begrenzten Platzkapazitäten aufgeteilt in zwei Gruppen.

Verlagsleiter Carsten Lohmann und Chefredakteur Christoph Pepper erläuterten die Motivation für das zunächst über zwei Wochen laufende und sämtliche Verlagsabteilungen einbeziehende Weiterbildungs- und Motivationsprojekt:  Zwar stehe das Unternehmen im Megatrend Digitalisierung längst nicht mehr am Nullpunkt. So seien bereits sämtliche Produktions- und nahezu alle Verwaltungsabläufe weitestgehend digitalisiert, Auch gebe es, zum Teil schon seit langen Jahren, bereits rein digitale Produkte und auch immer mehr rein digitale Kundenverhältnisse. Doch stehe man erst am Anfang eines Weges, der das Unternehmen in den kommenden Jahren weiter intensiv verändern werde.

Ein internes Logo für das Projekt gibt es auch ... Repro: chp

Ein internes Logo für das Projekt gibt es auch … Repro: chp

Die bereits sichtbar vorhandene Veränderungsbereitschaft der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter soll mit der Informations- und Mitmachoffensive “Digitalschub” zusätzlich gestärkt werden. In Zusammenarbeit mit dem Berliner Beratungsunternehmen “Mediate” gibt es dazu in den kommenden Tagen einen Mix von Vorträgen und Seminaren, eine Ideenwerkstatt sowie eine vorläufige Abschlussveranstaltung, in der die während des Projekts gesamelten Themen und Ideen noch einmal präsentiert werden. Prof. Dr. Katja Nettesheim und Kerstin Sarah von Appen eröffneten den Reigen mit einem Impulsvortrag, in dessen Verlauf den Teilnehmern recht schnell deutlich wurde, wie sehr die Digitalisierung längst auch ihr eigenes Privatleben erfasst und – und welche wirtschaftlichen und beruflichen Konsequenzen sie vor allem für Unternehmen der Verlagsbranche hat.

Deutlich wurde dabei, dass in der aktuellen Umbruchphase noch niemand endgültige Lösungswege gefunden hat. Nettesheim und von Appen bestätigten der MT-Mannschaft, sich mit ihrer aktuellen Aufstellung auch im Branchenvergleich durchaus sehen lassen zu können. Für die Zukunft hatten sie vor allem den auch aus eigenem Erleben gespeisten Rat: “Ausprobieren, einfach mal machen, keine Angst vor Flops haben”.

In den kommenden Tagen geht es mit abteilungsspezifischen Seminaren für Vertrieb, Anzeigenabteilung und Redaktion weiter, anschließend soll eine kleine abteilungsübergreifende Ideenwerkstatt an Verbesserungen für bereits existierende digitale MT-Produkte tüfteln. Nach Abschluss der ersten Projektphase und Auswertung der dabei gewonnenen Erkenntnisse soll eine Aufbaustufe konzipiert werden.

Katja Nettesheim (r.) und Kerstin Sarah von Appen sprachen gleich zweimal hintereinander vor vollem Haus. Fotos: chp

Katja Nettesheim (r.) und Kerstin Sarah von Appen sprachen gleich zweimal hintereinander vor vollem Haus. Fotos: chp

Mit Unterstützung von MT und J.C.C. Bruns: Arabisch-Deutsches Zeitungsprojekt für Minden und den Kreis

Mit lokalen Informationen auf arabisch und deutsch hofft der gebürtige Marokkaner Noureddine Boulouh einen Beitrag zur Integration zu leisten – und eine Plattform für die entsprechende Gemeinschaft zu schaffen. Foto: N. Conti


Für die Kollegen in der Druckvorstufe des Mindener Tageblatts war das schon erst einmal eine Herausforderung, als Noureddine Boulouh mit seinem deutsch-arabischen Zeitungsprojekt dort ankam. Nicht nur wegen der ungewohnten Schriftzeichen. Immerhin liest man im Arabischen nicht nur von rechts nach links, auch die Zeitung wird andersherum aufgeblättert. Direkt neben dem arabischen Text sollte aber der deutsche Text stehen, mit der umgekehrten Leserichtung.
Dass die Texte möglichst präzise nebeneinander stehen, war dem Arabischlehrer Boulouh wichtig: Er möchte, dass die Zeitung auch zum Deutsch lernen genutzt werden kann. „Vielleicht ist das ja auch gut, für Leute, die eine Flüchtlings-Patenschaft übernommen haben“, sagt er. „Die haben dann eine gemeinsame Gesprächsgrundlage.“

Wobei er keineswegs nur Flüchtlinge ansprechen will. Er würde sich auch wünschen, dass hier eine Plattform für Einwanderer, die schon länger da sind, entsteht. „Es gibt in Minden leider sehr wenige eingetragene Vereine oder ähnliches“, hat er festgestellt, „vielleicht gibt es hier mehr informelle Netzwerke, die ich noch nicht kennengelernt habe.“ Das war in Münster, wo er lange gelebt, studiert und gearbeitet hat, anders. Auch dort hat er mit seinem Bruder ein ähnliches Projekt zum Laufen gebracht.

Blick in den Innenteil: Schulregeln und die Vorstellung der neuen Integrationsbeauftragten. Repro: MT

Die erste Mindener Ausgabe wirkt noch ein bisschen improvisiert. Pressemitteilungen, aus dem Mindener Tageblatt übernommene Artikel, zahlreiche Politikergrußworte. „Das ist aber keine SPD-Zeitung, das ist jetzt reiner Zufall“, sagt Boulouh mit Blick auf die Bilder von Bürgermeister Michael Jäcke, Landrat Ralf Niermann und den Bundesvorsitzenden der SPD, Sigmar Gabriel. Er wollte eben etwas in der Hand haben, ein wenig offizielle Weihen, denn nur so kann man weitere Mitstreiter werben. Die sind ausdrücklich willkommen, egal, ob sie arabisch oder deutsch schreiben. Bei der Übersetzung könne er dann ja helfen, sagt Noureddine Boulouh, der im Hauptberuf im übrigen Lehrer ist und muttersprachlichen Unterricht an verschiedenen Schulen im Kreisgebiet gibt.

Die Themen sollen sich auch weiterhin um die Bereiche Kultur, Bildung und Integration drehen. “Integration durch Bildung” steht als Motto direkt unter dem Titelkopf der Zeitung. Viele wüssten zu wenig über das Leben hier und viele der gut gemeinten Flugblätter, Internetseiten und Apps kämen bei den Einwanderern gar nicht an, meint Boulouh.

Blick in den Innenteil (2): Kleidershop und häusliche Gewalt. Repro: MT

Ein Blick in den Innenteil der ersten Ausgabe offenbart ein buntes Nebeneinander von Lebenshilfe, praktischen Tipps, aber auch durchaus “schwerer” Themen wie häusliche Gewalt oder die politische Diskussion um die Erlärung der nordafrikanischen Maghreb-Staaten zu “sicheren Herkunftsländern”. Eine Ankündigung von “Minden singt” (für die der Druck dann leider zu spät erfolgte) ist ebenso zu finden wie eine Übersicht über die Aufgaben des Caritas-Fachdienstes für Migration und Flüchtlinge. Die Stadtbibliothek stellt sich vor, eine deutsch-arabische Grammatik wird verlost, die Mülltrennung erläutert, richtiges Verhalten in der Schule, die neue Integrationsbeauftragte der Stadt Minden oder Ratschläge des syrischen Schriftstellers Rafik Schami für Flüchtlinge sind weitere Themen. Insgesamt 24 Halbformat-Seiten ist die erste Ausgabe stark, die MT-Redaktion hat sie als eMag digital ins Netz gestellt, damit sich Neugierige ein Bild davon machen können (Link siehe unten).
Verdienen wird Noureddine Boulouh an der Zeitung allerdings erst einmal nichts, Anzeigenkunden gibt es noch keine, den Druck hat ihm das Verlagshaus J.C.C. Bruns spendiert, das sich auch bei den “Flüchtlingspartnern Minden” einbringt. Der Chefredakteur des MT hat Boulouh gestattet, geeignete Artikel zu verwenden, auf die Auswahl nimmt die MT-Redaktion keinen Einfluss. Christoph Pepper kann sich eine engere redaktionelle Kooperation – durchaus in beide Richtungen – allerdings gut vorstellen, wenn das Projekt erst einmal Fuß gefasst hat. Er hofft auf eine Chance, journalistischen Zugang zu einem Berichterstattungsgebiet zu finden, das für die eigene Redaktion mangels sprachlicher und kultureller Voraussetzungen nur sehr schwer bis gar nicht zugänglich ist. Verteilt wird die Zeitung kostenlos überall dort, wo Boulouh seine potenzielle Leserschaft vermutet: Bei der VHS und in Sprachschulen, in Moscheen und Kulturvereinen, hauptsächlich in Minden, aber auch in Bad Oeynhausen und Lübbecke. In einem Vierteljahr soll die nächste Ausgabe erscheinen.

Von Nadine Conti, Lokalredaktion

Die Deutsch-Arabische Zeitung für Minden und den Kreis als eMag (klicken)

Vom Schachtel- zum Blockumbruch: Vor 25 Jahren gab es beim MT eine gestalterische Zäsur

Titelseite und Seite Drei vorher und nachher: Die letzte Ausgabe des Mindener Tageblatts im seit der Gründung 1856 gepflegten klassischen Schachtelumbruch erschien am Dienstag, 18. Juni 1991 (links), dann hielt der Blockumbruch Einzug. Repro: MT

Titelseite und Seite Drei vorher und nachher: Die letzte Ausgabe des Mindener Tageblatts im seit der Gründung 1856 gepflegten klassischen Schachtelumbruch erschien am Dienstag, 18. Juni 1991 (links), dann hielt der Blockumbruch Einzug. Repro: MT

Den Leserinnen und Lesern muss es am 19. Juni 1991 schon am Frühstückstisch aufgefallen sein: Das Mindener Tageblatt sah anders aus. Die Zeitung hatte den sogenannten Blockumbruch eingeführt. Das war eine gestalterische  Zäsur in der bis dahin 135-jährigen Geschichte der Lokalzeitung.

Bis dato hatte über Jahrzehnte hinweg der so genannte Schachtelumbruch das Aussehen des Mindener Tageblattes geprägt. Artikel hatten unterschiedliche lange Textspalten, dazugehörige Fotos berührten den Text zuweilen nur an einem Zipfel. Die Zuordnung fiel selbst geübten Lesern oft schwer. Legendär waren die Überläufe der Aufmacher von der ersten Lokalseite auf die nachfolgende Seite 4.

Damit sollte fortan Schluss sein. „Heute mit neuem ,Gesicht‘ präsentiert sich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, erstmals Ihr Mindener Tageblatt“, begrüßten Verlag und Redaktion die Leserschaft mit einem kurzen Text auf Seite 1. „Richtschnur unserer Überlegungen war, Ihnen künftig ein klarer gegliedertes, übersichtlicheres und lesefreundlicheres MT zu liefern.“
Vorgewarnt waren die Leser bereits durch eine Serie von Anzeigen in den vorhergehenden Ausgaben, die die Zäsur ankündigten und „Interesse am neuen Lesevergnügen“ wecken sollten.

Eine Umstellung für viele Leser war wohl auch, dass „der Balken“ auf Seite 1 weggefallen war. Jahrzehntelang hatte das Negativ über dem Titel die Leser plakativ auf ein wichtiges Thema im Innenteil gestoßen. Stattdessen informierten fortan in einer Spalte kurze Meldungen über die wichtigsten Themen in den im Innenenteil folgenden Ressorts.

Auch eine größere Schrift, der Umstieg von fünf auf sechs Textspalten, zuordnende Linien sowie mit dem elektronischen Fotosatz möglich gewordene neue gestalterische Elemente gehörten zum von nun an üblichen Erscheinungsbild, an das sich die Leserinnen und Leser schnell gewöhnten. Entworfen hatte es der Düsseldorfer Zeitungsdesigner Norbert Küpper, der seither übrigens auch alle folgenden kleineren und größeren Um- und Neugestaltungen gestalterisch umsetzte – zuletzt den großen Relaunch von November 2014.

Die Einführung des Blockumbruchs – war allerdings weit mehr als eine rein gestalterische Änderung des äußeren Erscheinungsbildes. Sie war eingebettet in eine zu diesem Zeitpunkt schon seit einigen Jahren mit zunehmendem Tempo verlaufende technische Entwicklung in der Zeitungsproduktion, in der immer mehr Aufgaben und Arbeitsschritte mithilfe der sich ebenfalls immer schneller entwickelnden Computertechnologie erledigt werden konnten – und irgendwann auch wurden. Das führte letztlich zu tiefgreifende Änderungen in der Arbeitsweise von Redaktion, Seitenmontage und Zeitungsvorstufe, die sich mit fortschreitender Entwicklung der Technik in den kommenden Jahren in immer schnellerem Tempo fortsetzen sollten.

Und worüber berichtete das Mindener Tageblatt vor 25 Jahren auf Titel- und Lokalseiten? Am 18. Juni widmete sich der Aufmacher auf der Seite Eins der Unterzeichnung des deutsch-polnischen Vertrages, einen Tag später einem nur unter massivem Polizeieinsatz möglichen Atommülltransport nach Gorleben. Im Lokalen berichtete der eben frisch von Dithmarscher Landeszeitung in seine Heimatstadt Minden zurückgekehrte Cord Heine über die zunehmende Zahl von Einäscherungen in Minden, tags darauf war ihm auch der erste Lokalaufmacher im neuen Gewand vergönnt: Unter der Überschrift “Es riecht nicht nach Krankenhaus” portraitierte er die Mindener Kinderklinik

Von Jürgen Langenkämper, Lokalredaktion (Mitarbeit: Christoph Pepper)