Rede von MT-Chefredakteur Benjamin Piel bei der Veranstaltungsreihe „Martini-Redezeit“

Benjamin Piel, Chefredakteur des Mindener Tageblattes. Foto: Alfred Loschen

„Die Bedeutung des Schwachen als Verbindungslinie zwischen christlich-jüdischem Gottesbild, Journalismus und Grundgesetz“

Rede von MT-Chefredakteur Benjamin Piel, gehalten am 29. September in der Mindener Martini-Kirche im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Martini-Redezeit“. Der Vortrag wurde in weiten Teilen frei gehalten, sodass es Abweichungen zwischen Text und gesprochenem Wort gibt.

In einer Kirche zu sprechen, behagt mir nicht so sehr. Weil ich in mehreren Fachtexten die Situation des Predigens als gegensätzlich zu meinem journalistischen Selbstverständnis beschrieben habe. Da steht jemand vorne oder sogar auf der Kanzel und er predigt – er verkündigt etwas, das inhaltlich wenig verhandelbar ist. Die Predigt ist keine Einladung, über den Inhalt eine Kontroverse in Gang zu setzen.

Journalismus und insbesondere das Genre des Kommentars habe ich immer anders verstanden. Nicht als Einbahnstraße und Verkündigung, sondern als Einladung zum Widerspruch, zur Diskussion. Und so bin ich froh, dass wir gleich noch miteinander in den Austausch gehen.

Ich möchte mit Ihnen den Versuch unternehmen, ein ungewöhnlich klingendes Thema zu besprechen, das mir sehr wichtig ist: „Die Bedeutung des Schwachen als Verbindungslinie zwischen christlich-jüdischem Gottesbild, Journalismus und Grundgesetz“

Damit Sie verstehen, wie ich darauf überhaupt komme, muss ich etwas Biographisches vorwegschicken: Ich stamme aus einer sehr konservativen Familie, in der der christliche Glaube eine große Bedeutung hatte und das war für mich eine nicht uneingeschränkt positive Erfahrung. Ich habe Religion und Glauben beinahe immer als einschränkend, gesetzlich und moralisch überhöht erfahren. Und so habe ich mich nach dem Abitur auf einen eigenen Weg begeben und Religionswissenschaft studiert. Da wollte ich mehr erfahren über andere Religionen jenseits des Christentums. Und in der Religionskomeratistik, also im Vergleich der Religionen, hat mich das jüdisch-christliche Gottesbild dann doch wieder sehr berührt – ich begann, es neu und anders zu sehen.

Nicht als den Gott, der den Zeigefinger schwingt und die Grenzen so eng setzt, dass man bewegungsunfähig wird, sondern als Gott, der den Schwachen und Benachteiligten beisteht und ihnen einen Weg in die Freiheit bahnen will. Denn das zieht sich wie ein roter Faden durch die Schriften des Judentums und des Christentums: Gott ist nicht der Gott der Großen und Starken, der Fürsten und Könige, der Herrschenden und der Elite. Gott ist immer wieder der Gott der einfachen Menschen, der sich selbst nicht erhebt, sondern erniedrigt.

Das ist doch ein wirklich göttlicher Gedanke, ein ganz anderes Verständnis von Stärke und Souveränität.

Das wird ganz früh sichtbar. Gott erwählt das Volk Israel, das kleinste und unbedeutendste unter den Völkern und eben keine Hochkultur seiner Zeit. Wenn Mose vor dem Pharao steht und der fragt, wer ihn schickt, sagt er: „Der Gott der Hebräer (Ägyptisch: Hapiru)“ – und das bedeutet: Rechtlose Menschen am Rand der Gesellschaft, Schutzlose.

Und in der Geschichte von Gott, der Mensch wird, da wird Jesus Christus nicht als Sohn eines Königs geboren, sondern als Sohn einfacher Menschen, am einfachsten Ort, den man sich überhaupt nur vorstellen kann, in einem Stall, Gott selbst begibt sich hinein in die Schutzbedürftigkeit.

Und dieser Jesus sagt später in der Bergpredigt eben nicht „Selig sind die Mächtigen und die Herrscher und die Starken“, sondern „Selig sind die, die arm sind, die trauern, die verfolgt und geschmäht werden“. Warum? Einfach so? Nein, weil Gott sich diesen Menschen besonders verbunden fühlt. Dieser Gott hat mich fasziniert.

Und fasziniert hat mich auch der Journalismus. Es gab da einen Schlüsselmoment: Als Schulklasse besuchten wir etwa in der neunten Klasse eine kleine Zeitungsredaktion. Da arbeiteten zwei Redakteure in einem ziemlich chaotisch aussehenden Raum. Für meine Klassenkameraden war es wahrscheinlich ein ernüchternder Anblick, aber für mich war es, träfe mich der Blitz der Berufung. Dieser Ort, an dem alle Informationsfäden zusammenliefen, den habe ich seitdem nicht mehr vergessen.

Und ich habe dann ziemlich schnell festgestellt, dass es durchaus Parallelen gibt zwischen der jüdisch-christlichen Gottesvorstellung und dem journalistischen Berufsethos.

Ein Journalismus, der den Großen und Starken und Mächtigen huldigt, der ist nicht, was er sein sollte und der ist für weite Teile der Öffentlichkeit nicht besonders relevant. Wenn wir so arbeiten würden, als reine Vertreter des Staates, der Gewählten und der Wirtschaftslenker, dann wäre das einigermaßen wenig.

Ich habe im Osten Deutschlands volontiert, bei der Schweriner Volkszeitung, und habe von den Kollegen erfahren, wie es nicht möglich war, auch nur ein einziges Wort zu schreiben, ohne dass es kontrolliert und im Zweifel zensiert wurde. Es ist großartig, dass wir in einer Situation leben, in der wir eben keiner Zensur unterworfen sind und in der wir als Journalisten alle Freiheiten haben. Aber von dieser Freiheit müssen wir eben auch mutig Gebrauch machen.

Und wenn wir das tun, dann kommt es immer wieder zu Situationen, in denen es darauf ankommt, „den Sprachlosen eine Stimme zu leihen“, wie es der evangelische Publizist Robert Geisendörfer ausgedrückt hat. Das halte ich für eine zentrale Aufgabe auch und gerade für den Lokaljournalismus hier in Minden und überall sonst. Denn wir sind immer wieder gefragt, ungute Situationen zu schildern, in denen sich Menschen befinden.

Ein paar Beispiele der zurückliegenden Monate:

Da wird 200 Menschen in Lerbeck das Wasser abgestellt, weil der Großvermieter die Wasserrechnung nicht bezahlt hat – und dieser Großvermieter bedroht uns, wir dürften seinen Namen nicht nennen. Da landen Jugendliche mit Erreichen des 18. Lebensjahres auf der Straße, weil niemand mehr für sie zuständig ist – und die Quote von wohnungslosen jungen Menschen in Minden ist erstaunlich hoch. Da ist ein anderer Großvermieter, der durchaus bereit ist, auch mal ungewöhnliche Wege zu gehen, um Mehreinnahmen zu erzielen, der Kellerräume separat vermietet und diese Mieten auch dann erhöht, wenn das rechtlich in einigen Fällen offenbar mindestens bedenklich ist. Da gibt es einen Konflikt in der Katholischen Gemeinde zwischen Reformwilligen und Gläubigen, die am gegenwärtigen Status festhalten wollen.

Die Liste ließe sich beinahe beliebig fortsetzen.

Und natürlich meint Journalismus sehr viel mehr als denen, die sonst keine Stimme hätten, eine Stimme zu verleihen. Es ist nur ein wichtiger Aspekt unter vielen, aber eben doch ein wichtiger. Nicht zuletzt, weil die Ohnmächtigen immer in der Mehrzahl sind – würden wir nur die Interessen der Starken in der Gesellschaft abbilden, würde das gleichzeitig bedeuten, die Situation der Mehrheit der Menschen auszublenden.

Den Sprachlosen eine Stimme zu verleihen, das heißt nicht, ihr Anwalt zu sein. Das müssen wir unterscheiden. Der Anwalt verteidigt seinen Mandanten, das aber ist nicht unsere Aufgabe. Wir schildern die Wirklichkeit. Nicht mehr und nicht weniger. Unsere Verantwortung ist nicht, die Ziele der Schwachen zu verwirklichen, unsere Aufgabe ist es, die Schwachen wahrzunehmen und ihre Probleme wahrnehmbar zu machen.

Und damit bin ich beim letzten Punkt, dem Grundgesetz und auch da erkenne ich das Muster. Der jüdisch-christliche Gott ist nicht etwas für eine elitäre Klasse, der Journalismus ist es nicht, das Grundgesetz ist es auch nicht.

Die Grundrechte sichern jedem von uns Weitreichendes zu. Und natürlich ist vor dem Gesetz jeder gleich und es gilt für jeden. Aber ich sehe auch im Grundgesetz diesen Charakter der Zuwendung in Richtung der Schwachen. Denn die Würde eines Jugendlichen, der auf der Straße landet, die ist antastbarer als die Würde eines gut Situierten. Und das Recht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit ist für einen Hartz-IV-Empfänger im Regelfall sehr viel mehr in Gefahr als für einen Vorstandsvorsitzenden.

Mit anderen Worten: Das Grundgesetz gilt für alle gleich, aber für den Schwachen hat es eine ungleich größere Bedeutung, weil er den Schutz nötiger hat. Oder besser: nötig hätte. Denn eines ist ganz klar: Das Grundgestz ist großartig, aber es ist erstmal nur Druckerschwärze auf Papier, solange wir als Gesellschaft es nicht mit Leben füllen.

Viele Dinge, die dort stehen, sind nicht realisiert. Wenn wir sehen, dass in Deutschland Kinder aus armen Familien evident schlechtere Bildungsabschlüsse machen als Kinder aus gut situierten Familien, wenn wir sehen, wie groß das Problem der Altersarmut inzwischen ist, dann wird klar: Es ist sehr gut, dass es das Grundgesetz gibt, aber das alleine bedeutet nicht, dass auch alles gut ist.

Und insofern möchte ich die drei Aspekte Gott der Schwachen, Journalismus, der den Schwachen eine Stimme verleiht und Grundgesetz, das für die Schwachen von besonders großer Bedeutung ist, mit einem Satz abschließen: Eine Gesellschaft ist immer nur so stark, wie sie mit ihren schwächsten Mitgliedern umgeht.

 

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