Nächtlicher Pingpong zwischen Minden und Berlin: Wie die MT-Sonderausgabe zum Olympia-Express entstand

Mancher Leser wird sich fragen, wie die Texte für die Sonderausgabe des Mindener Tageblatts zu den Fahrten des „Olympia Express“ entstehen. Die Antwort ist relativ einfach: sie entstehen zur Geisterstunde, irgendwann nach Mitternacht, weil das die Zeit ist, zu der Theaterproduzent Jürgen Morche einmal durchschnaufen, entspannen und den PC einschalten kann.

„Nachts kann man in Ruhe arbeiten“, ist Morches Credo, „da klingelt wenigstens nicht dauernd das Telefon.“

Und deswegen werden Programmhefte, Sonderausgaben etc. grundsätzlich nachts erstellt, weil mitten in der Nacht üblicherweise nichts die Konzentration des Programmheftmachers stört.

Die Titelseite der MT-Sonderausgabe für den "Olympia-Express". Nach der letzten Fahrt wird das "historische Exemplar" auch als E-Magazin auf MT-Online verfügbar sein. Repro: MT

Der „Olympia Express“ ist eine Fortsetzung des „Mörderexpress“, der vor vier Jahren, anlässlich des Jubiläums des Mindener Stadttheaters viele Male zwischen Minden-Oberstadt und Kleinenbremen hin- und hergefahren ist. Einige der Mörderexpress-Helden sind wieder mit von der Partie, die ewigen Kontrahenten Hugo Knethorter und Heinrich von Hopfenberg, sowie Knethorters Security-Chefin Agatha Christie aus London, aber was ist eigentlich aus den anderen Figuren geworden? Da kann sich ja der Autor beider Stücke, Chris Kurbjuhn, mal ein paar Gedanken machen, denkt sich Programmheftmacher Morche und feuert eine mitternächtliche E-Mail ab.

Kurbjuhn ist ebenfalls eine Nachteule, und wenig später fliegen die Texte zwischen Berlin und Minden elektronisch hin und her. Anekdoten werden ausgesponnen, kleine Nachrichten geschrieben, verworfen oder abgesegnet.

Es ist immer noch Nacht, da kann man z. B. auch in Ruhe im Internet surfen, und die tollsten Entdeckungen machen: z. B. dass Baron Pierre de Coubertin, der Begründer der olympischen Spiele der Neuzeit, bei den Olympischen Spielen 1912 selbst eine Goldmedaille gewonnen hat, und zwar in der Disziplin „Dichtkunst“. Die Goldmedaille erhielt Coubertin für eine „Ode an den Sport“, die er unter Pseudonym eingereicht hatte, um nicht seiner Position wegen bevorteilt zu werden. Diese Hymne musste ins Programmheft, das versteht sich von selbst.

So ist in vielen langen Nächten die Sonderausgabe des Mindener Tageblatts entstanden, die den Fahrgästen des Olympia-Express als Kursbuch der Theaterfahrt dienen soll.

Es ist spannend eine Zeitung zu machen und es ist eine Herausforderung. Die Woche vor der Premiere hat ich als Regisseur noch nicht so einen dichten Zeitplan, da half mir unser Autor Chris Kurbjuhn mit einigen Texten und Ideen aus und auch meine Tochter Sofie, gerade waren die Sommerferien angebrochen, fand mehr und mehr Spaß daran zu recherchieren und die Sonderausgabe zu organisieren. Fotos wurden gefunden, und verworfen.

Hoch geht es her, wenn die fahrgäste des Olympia-Express die Tauglichkeit der heimischen Sportstätten in Augenschein nehmen.

Eines konnte leider nicht mehr in der Zeitung aufgenommen werden. Das schmerzte uns sehr. Ein unglaubliches Ölgemälde des jungen Baron de Coubertin in freizügiger Fechterpose. Würde so ein Bild heute von mir in dieser Art gemalt werden, ich glaube ich würde ernsthaft mit dem Maler in die Haare geraten. Auch das gehört zum Zeitungsmachen: man muss sich entscheiden. Was muss rein, was soll rein und was kann wieder rausgeschmissen werden. Nichts für treue Gemüter, nichts für Sammelnaturen.

Wir brauchten zu dritt eine Woche um 6 Seiten mit Text und Bildmaterial einigermaßen interessant auszufüllen. Uns wurde bewusst wie aufwändig es sein muss, jeden Tag eine Zeitung herauszubringen. Jeden Tag den Leser zu interessieren mit gut recherchierten Geschichten, packenden Stories oder einfach nur lesenswerten Zeilen. Nicht zu vergessen, diese Neuigkeiten in der Zeitung stillen ja auch unsere Neugierde und halten uns gleichzeitig informiert was in unserer Region geschieht.

Wir hatten ein großen Vorteil. Das Thema Olympia, Sport, Turnen, besonders um das Jahr 1912 herum ist ein dankbares Thema. Es gibt reichlich Informationen und Bildmaterial. Nicht nur im Internet. Auch das Mindener Stadtarchiv konnte uns mit Fotografien von Sportlern aus der Zeit und aus unserer Region wirklich überraschen. Dann die Jubiläumsausgaben der mitwirkenden Sportvereine. Wunderbare Geschichten und Fotos sind da zu finden. Oft geschrieben von Zeitzeugen. Danke für all das zur Verfügung gestellte Material. Wir hoffen die Sonderausgabe des MT wird ein lustvolle Lektüre.

Es war eine spannende Woche, ein Eintauchen in eine andere Epoche.

Nach dieser Woche war Redaktionsschluss. Es war eine aufreibende Zeit voller Erfahrungen und Entscheidungen. Wir gaben unsere Vorarbeit zum Endschliff in professionelle Hände der Zeitungsmacher des MT. Es ist eine Sonderausgabe entstanden, die anders wurde, als ich sie mir vorgestellt hatte. Reifer, erwachsener. Ein Mehrwert kam dazu, den wir nicht mehr im Blick hatten, den nur ein Profi von außen noch da zusteuern kann. Im besten Fall. Danke für diesen Fall.

Das ist dem Entstehungsprozess in der Theaterarbeit sehr ähnlich. Man hat als Regisseur schon eine Idee wo es hingehen soll, aber das Leben müssen dann die Schauspieler einhauchen. Im besten Fall. Und dazu muss man sie wertschätzen, sie als Menschen, sie in ihrem Beruf und dann kann eintreten, warum wir das alles tun und nicht einfach auf dem Sofa liegen bleiben. Dieser Zauber, dieser Sog, diese Magie, die Theaterarbeit erzeugen kann und die den Zuschauer einfach nur noch begeistert. Manchmal. Es kann dann ein sinnliches Vergnügen, eine Freude sein. Theater zu erleben. Oder eine gut gemachte Zeitung zu lesen.

Ich muss jetzt aber weiter. Zu den Theaterproben für den Olympia Express. Tanzproben mit unserer Choreografin, Gesangsproben, Szenenproben, Kostümproben, Maskenproben und zwischendurch immer wieder Text lernen. Kommenden Samstag ist Premiere. Wir wollen unserem Publikum ein sinnliches Vergnügen bieten. Wir sind sehr gespannt, wie unsere Ideen ankommen. „There is no business like showbusiness“. Und nach der Premiere freue ich mich darauf mal wieder auszuschlafen oder einfach nur spazierenzugehen.

Autor: Jürgen Morche

Siehe auch: Im Olympia-Express wird dick aufgetragen (MT vom 25.7.2012)