Der Tanz seines Lebens – Bruno Rautenstrauch ist vermutlich der älteste Rock’n’Roll-Tänzer Mindens. Elvis bleibt für ihn der Größte (#200in365, No.99)

Bruno und Ursel Rautenstrauch legen gerne gemeinsam einen Tanz hin. Der Rock‘n‘Roll hat sie durchs Leben begleitet. MT-Foto: Piel

Auf den ersten Blick wirkt Bruno Rautenstrauch wie ein ganz gewöhnlicher Mann von 74 Jahren. Einmal abgesehen von seinem Gürtel, auf dem in großen Buchstaben ein Name steht: „Elvis“. Ansonsten hat er wie so viele seines Alters nur noch wenige Haare auf dem Kopf und seine Stirn kann sich in tausendundeine Falte legen. Wer an dem Bild des Normalmittsiebzigers festhalten möchte, sollte einen Fehler allerdings nicht machen: Eine Platte von Elvis Presley auflegen und die Anlage aufdrehen. Denn dann beginnt die Verwandlung. Ist Rautenstrauch sowieso ein Mensch mit einem nicht unerheblichen Bewegungsdrang, gerät sein Körper dann vollends in Bewegung.

Es war das Jahr 1961, als Elvis Presley Hits wie „Wooden Heart“ und „Can`t Help Falling in Love“ herausbrachte und in dem Bruno Rautenstrauch zum ersten Mal erst neben und dann auf einer Tanzfläche stand. 17 Jahre alt war er damals. Er schaute den Älteren zu, wie sie zu Elvis, Buddy Holly oder Little Richard tanzten. Zuhause stellte er seinen Plattenspieler laut und übte vor dem Spiegel die Tanzschritte. Er studierte jenen ganz eigenen Stil ein, den er bis heute pflegt. Auf die schnelle Beinarbeit kommt es ihm an, die ist sein Markenzeichen. „Ich wurde immer besser“, sagt er.

An einen heftigen Generationenkonflikt kann er sich übrigens nicht erinnern. Während einige Erwachsene Presleys Hüftschwung als Teufelswerk empfanden, hörte Rautenstrauchs Mutter zwar lieber Marika Rökk, mochte aber, wie ihr Sohn tanzte, erinnert der sich. Zumal seine vier Brüder fürs Tanzen ebenso wenig übrig hatten wie heute seine Kinder und sein Enkel. Eine Tanzschule hat Rautenstrauch zwar schon von innen gesehen, aber nur, um Standardtänze einzuüben. Schlecht fand er das nicht, aber: „Über Rock’n’Roll ist nie was drübergekommen.“ Auch die Beatles oder die Rolling Stones nicht. „Dämlicher Beat“, sagt Rautenstrauch nur und winkt kräftig ab.

In Minden habe es nicht viele Kneipen gegeben, in denen Rock’n’Roll gespielt wurde, also fuhren er und seine Frau Ursel oft in „Ilses Gasthof“ nach Vehlen (Landkreis Schaumburg), nach Stadthagen, manchmal auch bis nach Hannover. Was den Rautenstrauchs immer wichtig war: dass auch die Kleidung stimmte und nicht nur die Musik. Für sie gehört das zusammen. „Wie die Leute heute in der Disco im Schlafanzug rumhampeln – das wäre undenkbar gewesen damals“, sagt er. Dezent musste es sein, mit weißen Tanzschuhen, Lederschlips und Hemd. Dass er seine Frau beim Tanzen auf einem Zeltfest kennengelernt hat, ist beinahe selbstverständlich. „Sie war gleich begeistert von meinem Tanzstil“, sagt er. Und sie: „Komplexe kannte er nie.“

Für ihn war das Tanzen immer auch eine Möglichkeit, den stressigen Berufsalltag abzustreifen. Denn der hatte es in sich. Der gelernte Schlosser war jahrelang Inkassobeauftragter der Stadtwerke. Wer nicht zahlte, dem tanzte Rautenstrauch auf der Nase herum. Und diesen Tanz beherrschte er nicht minder gut. Ob Gas, Wasser, Strom oder Nahwärme – wer auf Mahnungen nicht reagierte, an dessen Tür klingelte früher oder später Bruno Rautenstrauch. Es gibt vergnüglichere Berufe als säumigen Zahlern den Strom abzudrehen.

Aber das ist vorbei. Auch mit dem Tanzen abzuschließen, daran denkt Rautenstrauch bisher nicht: „Ich bin immer noch bei der Stange, der Tanz sitzt“, sagt er. Und so freut er sich auch weiterhin auf die Rock’n’Roll-Abende im Büz und die Touren an Orte, wo Bands aufspielen. Ursel Rautenstrauch ist seit einer Hüftoperation zwar nicht mehr so leichtfüßig, aber sie will zurück aufs Parkett, wo sie sich mit ihrem Mann wohl fühlt. Der ist stolz, dass er noch zwei bis drei Tänze hintereinander durchhält. Dann aber braucht auch er erstmal eine Pause.

Er achtet penibel auf sein Gewicht, raucht nicht, trinkt keinen Alkohol, erzählt er. Sollte sein Körper aber doch eines Tages schlapp machen, dann wünscht er sich, so lange wie möglich anderen beim Tanzen zuzuschauen: „Ohne Musik kann ich nicht sein.“ Und selbst sein Arzt habe ihm geraten, weiterzumachen, solange es gehe, das sei schließlich gut für die Motorik.

Nur eine Sorge, die hat der Rentner wirklich: dass Tanz und Musik, die ihm so viel bedeuten, aussterben könnten. „Die Jüngeren nehmen das nicht so an“, beobachtet er. „Rock’n’Roll Can Never Die“, hat Alt-Rocker Neil Young mal gesungen. Bruno Rautenstrauch hofft zweifelnd, dass das stimmt.

Von Benjamin Piel, Chefredakteur

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