Das Rundum-sorglos-Paket: NRW-Ministerium bietet Zeitungsredaktionen fertigen journalistischen Beitrag an

Gut geführt und einleuchtend notiert zählt es je nach Informationsziel zu den aufschlussreichsten journalistischen Darstellungsformen: das Wortlaut-Interview. Es hat vor allem den Vorteil, etwa den Lesern einer Tageszeitung exklusive Originalstellungnahmen verantwortlicher Akteure im Zusammenhang eines Gesprächs auszubreiten. Dabei ist von der Redaktion sowohl eine eigene Handschrift als auch eine unabhängige Herangehensweise zu erwarten. Ein kurioses Angebot aus dem Apparat der nordrhein-westfälischen Landesregierung sollte dieses Prinzip nun aushebeln.

Im NRW-Wissenschaftsministerium wollte man den Zeitungsredaktionen des Landes behilflich sein. Foto: wissenschaft.nrw.de

Im NRW-Wissenschaftsministerium wollte man den Zeitungsredaktionen des Landes behilflich sein. Foto: wissenschaft.nrw.de

Anlässlich des Attentats auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ überraschte ein Ministerium die Mitglieder der Landespressekonferenz mit einem erstaunlichen Service: „Zum Anschlag in Paris hat das Wissenschaftsministerium ein Interview mit dem (emeritierten) Bielefelder Konflikt- und Gewaltforscher Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer geführt, das wir Ihnen auf diesem Wege zu Ihrer freien Verwendung zur Verfügung stellen“, erklärte ein Ministeriumssprecher in einer E-Mail. In einer angehängten Datei lieferte das Haus nicht nur das Gespräch im Wortlaut, sondern auch einen sogenannten Teaser, einen Anrisstext.

Wissenschaftsministerin Svenja Schulze zeigt sich darin „erschüttert“ über den Terroranschlag auf „Charlie Hebdo“. Der Angriff treffe „alle Menschen in der ganzen Welt“, die sich mit demokratischen Werten identifizierten und mit gegenseitigem Respekt begegneten. Eine Radikalisierung der deutschen Gesellschaft und die Ausgrenzung aller Muslime wären deshalb eine völlig falsche Antwort, erklärt die Ministerin, um dem Interviewpartner ihres Hauses anschließend zu entlocken, „was die Wissenschaft dazu beitragen kann, eine angemessene Reaktion auf den Terror von Paris zu finden“.

Christoph Neuberger, Kommunikationswissenschaftler an der Ludwig-Maximilians-Universität München, sieht in dem Angebot einen problematischen Vorgang. „Damit nutzt das Ministerium die bisweilen dünnen Personaldecken in den Zeitungshäusern aus.“ In dem Wissen um die „Notlage der Redaktionen“ liefere es „passgenaue journalistische Beiträge, um ihre Werbebotschaften zu platzieren“. Geschieht dies zudem mit Steuergeldern, ruft das bei Neuberger „besonderes Unbehagen“ hervor.

In Schulzes Haus habe niemand irgendetwas ausnutzen wollen, versichert ein Ministeriumssprecher. „Die Mail war als reine Hilfestellung gedacht.“ Die angeblich kurzfristig entstandene Idee: im Zusammenhang mit dem Anschlag und den „besonderen emotionalen Umständen gerade für die Medien einen Service zu bieten“, der für die Redaktionen „möglicherweise von Nutzen hätte sein können“, heißt es. „Selbstverständlich“ gehe man davon aus, „dass Pressemeldungen unseres Hauses oder Internet-Auftritte nicht eins zu eins von Medien übernommen werden“.

Von Florian Pfitzner, Düsseldorf-Korrespondent des Mindener Tageblatts