Bis ins kleinste Detail – Der Modellbauer Karl Fischer hat in Brakel originalgetreu die Bahnstrecke zwischen Ottbergen und Altenbeken auf dem Stand des Sommers 1975 nachgebaut. Warum tut jemand so etwas? (#200in365, No.111)

Karl Fischer hat seinen Beruf als Unternehmensberater aufgegeben. Er ist in Vollzeit mit dem Projekt Modellbundesbahn beschäftigt. MT-Foto: Benjamin Piel

Bevor Karl Fischer entschied, sich einer ostwestfälischen Bahnstrecke zu opfern, hatte er ein Leben, das sich als recht normal beschreiben ließe. Er war in einer Düsseldorfer Unternehmensberatung beschäftigt und hätte das auch noch Jahre bleiben und vermutlich ordentlich Geld verdienen können.

Doch der Betriebswirt konnte nicht. Irgendetwas in ihm sagte, dass er sein altes Leben aufgeben, den Beruf hinschmeißen, einen Kredit aufnehmen, eine Halle bauen und sich ganz dem Modellbau verschreiben sollte. Andere Ehefrauen hätten ihm vermutlich einen Vogel oder gleich den Mittelfinger gezeigt. Fischers Frau dagegen sagte, er solle auf seine innere Stimme hören. Und das tat Fischer.

Nun steht er in einer 700 Quadratmeter großen Halle im Industriegebiet Brakels (Kreis Höxter) an der B 252 inmitten einer 100 Quadratmeter großen Modellbahnstrecke. Umgeben von 1.500 Bäumen – eineinhalb Stunden Handarbeit das Stück –, 2.000 Büschen, hunderten Waggons und unzähligen Schienen, Spurgröße H0. Es handelt sich um einen bis ins letzte Detail genauen Nachbau der Strecke zwischen Ottbergen und Altenbeken im Sommer 1975.

Nachbau – das ist so ein Wort, von dem Fischer findet, dass es zu Unrecht inflationär gebraucht wird. Das ärgert ihn. Denn was sich Nachbau nenne, das müsse dann auch bitte sehr jedes Detail maßstabsgetreu nachempfinden. Fischer und sein Team haben sich sklavisch der Detailtreue verschrieben. Gerade bauen sie das Altenbekener Eisenbahnviadukt nach. Das Modell soll nicht nur auf den ersten Blick so aussehen wie das Original. Jeder Schaden, jeder Quader, jedes Geländer, die Steigung von elf Prozent – alles muss stimmen. Dafür hat sich Fischer die Originalpläne aus dem 19. Jahrhundert besorgt, hat alte Eisenbahner befragt. Sicher ist sicher. „99,5 Prozent der Besucher mag das egal sein“, das weiß Fischer. Aber das kümmert ihn nicht. Er hat sich einer Mission verschrieben: „Wir wollen Geschichte im Modell wirklich zeigen.“ Genau muss es sein und noch mal genau. Nur so könne man darstellen, wie der echte Eisenbahnbetrieb damals funktioniert hat, Lokomotivwechsel inklusive.

Um das möglich zu machen, ist der 46-Jährige ins finanzielle Risiko gegangen. Wie viel der Bau der fensterlosen Halle und der Anlage gekostet hat, will er nicht sagen, spricht aber von einer „größeren sechsstelligen Summe . Um über die Runden zu kommen, müssen mindestens 30.000 Besucher im Jahr die Ausstellung besuchen. Im vergangenen waren es nur 15.000. Fischer hofft, dass es nur der heiße Sommer war.

Warum ausgerechnet diese Strecke und der Sommer 1975? Fischer ist in der Nähe aufgewachsen. Täglich hörte er die Dampfloks hinter der Schallschutzmauer entlangächzen. Und wenn er im Auto seiner Eltern mal vor einem Bahnübergang warten musste, kamen die schwarzen Ungetüme langsam näher. Der Bahnvirus sprang über. Und der Sommer 1975 war der letzte der Dampfloks in Westdeutschland. Am 29. Mai 1976 nahm die Bundesbahn sie außer Betrieb. Aus dem glorreichen Bahnhof Ottbergen wurde „Schrottbergen“, wo die Loks zerlegt wurden.

Heute arbeitet dort kein einziger Bahner mehr. Ganz anders sieht es in der Brakeler Halle aus. In der baut Fischer jene Welt auf, die vor 43 Jahren untergegangen ist – im Maßstab 1:87.

Von Benjamin Piel, Chefredakteur