Intime Bekenntnisse: Fünf MT-Redakteure, australisches Schwermetall und der 60. Geburtstag von Angus Young

Wenn MT-Redakteure ihrem Gitarrenidol huldigen, braucht es natürlich einen Freisteller. Repro: MT

Wenn MT-Redakteure ihrem Gitarrenidol huldigen, braucht es natürlich einen Freisteller. Repro: MT

Gitarre spielen können sie alle verdammt gut. Fragt man jedoch viele junge Musiker, die sich dem Instrument mit den vier, sechs oder gar sieben Saiten verschrieben haben, wer ihr Vorbild als Gitarrist ist, fallen allerdings nicht die Namen der Virtuosen Eric Clapton, Jimmy Page, Ritchie Blackmore, Jeff Beck oder Jimi Hendrix, nicht die der stilprägenden Protagonisten Carlos Santana oder Mark Knopfler, auch nicht die der Schnellspieler Joe Satriani, Eddie van Halen oder Al di Meola.

Vielmehr stehen zwei andere Stars ganz oben auf der Beliebtheitsskala: Rolling-Stones-Rüpel Keith Richards und der nimmermüde Schuljunge Angus Young von AC/DC. Diese beiden Vollblutmusiker spielen den Rock’n Roll so rotzig, rau und frech wie kaum einer ihrer Kollegen. Und das ist halt angesagt. Heute feiert Young, das Aushängeschild der australischen Hardrock-Ikonen, seinen 60. Geburtstag.

Auch bei fünf musikbegeisterten MT-Redakteuren, zum Teil sogar selbst in einer Band aktiv, weckt der Jubilar die unterschiedlichsten Erinnerungen an die Vergangenheit „mit ihm“.

Jan Henning Rogge (Online-Redaktion): Vom Donner gerührt

„Thunderstruck, Thunderstruck, Thunderstruck“. Man muss es dreimal sagen. Vielleicht war es dieses unfassbar eingängige Gitarrenintro, das dafür sorgte, dass ich mir mit 15 neben der Posaune ein weiteres Instrument zulegte: Eine gebrauchte Höfner-E-Gitarre, zunächst angeschlossen am heimischen Stereo-Verstärker, dem dabei leider recht bald die Sicherungen durchbrannten. Ich gab mir wirklich Mühe, so recht wollte es aber nichts werden, mit mir und den sechs Saiten.

In der bald darauf gegründeten Band traf ich dann auf Gleichgesinnte. Zum Wohle des Gesamtklangs übernahm ich neben den Blechbläser-Parts künftig aber lieber den Bass – mit dem angenehmen Nebeneffekt, dass der bei AC/DC-Stücken eher rudimentär zum Einsatz kommt. Für Kenner: Bei vielen Stücken bleibt’s beim A auf der leeren Seite. Auch modisch machte Angus Young in unseren Augen damals eine gute Figur. Jackett zur kurzen Hose kam zwar bei den angehimmelten Damen weniger gut an – manchmal war der Rock ‘n’ Roll aber auch einfach wichtiger als die Frauen. Ich gebe zu – eine ganze AC/DC-Platte am Stück habe ich lange nicht mehr gehört. Die Hymnen finden aber immer wieder ihren Weg ins Wohnzimmer – und gehen dann auch bei meiner kleinen Tochter direkt ins Blut und in die Beine. Rock ‘n Roll will never die. 

Henning Wandel (Lokalredaktion): Die erste Schallplatte

Und hier der vollständige Artikel in der Zeitungsansicht. Repro: MT

Und hier der vollständige Artikel in der Zeitungsansicht. Repro: MT

Es war leider ein heißer Tag, an dem ich die „For those about to rock“ meines großen Bruders im Auto auf der Hutablage vergessen habe. Das Vinyl-Schätzchen war danach nicht mehr zu gebrauchen und mein Bruder entsprechend sauer. Die Ersatz-Platte, die ich ihm von meinem Taschengeld kaufen musste, hat er trotzdem nie bekommen. Der Ärger war schnell verraucht – und so hatte meine erste LP ein goldenes Cover mit einer Kanone drauf. Natürlich war ich sofort Fan. Es ist also kein Wunder, dass ich auch andere Erste Male mit AC/DC verbinde. Der erste Song, den ich mit meiner ersten Band geübt habe, war „Live Wire“. Für einen Bassisten keine wirkliche Herausforderung, aber so war das Lampenfieber beim ersten Auftritt noch erträglich. Es ist nur konsequent, dass AC/DC auch die erste Band war, die ich live gesehen habe: auf der Razors-Edge-Tour in Hannover. Heute höre ich sie nicht mehr oft – aber wenn, dann fühlt sich AC/DC immer noch so gut und vertraut an, wie mein Fly-on-the-wall-T-Shirt, dass ich über Jahrzehnte gehütet habe. Ich glaube, es liegt noch immer irgendwo in einer Schrankecke. 

Dirk Haunhorst (Lokalredaktion): Lauter Reisebegleiter

AC/DC war nichts für einen zwölfjährigen Messdiener, der musikalisch von Sweet und Slade sozialisiert wurde. Mitte der 70er Jahre kam die Aussie-Combo wie eine blasphemische Versuchung daher, mit Bon Scotts dreckiger Reibeisenstimme und diesem scheinbar verrückten Gitarristen, der über die Bühne hüpfte, als wäre der Leibhaftige hinter ihm her. AC/DC war tabu, bis eines Tages der ältere Bruder eines Schulfreundes das Teuflische sanktionierte. Vor diesem Typen Anfang 20 hatte ich eine Menge Respekt, weil er immerzu The Doors hörte, während der Qualm von Räucherstäbchen sein wissend-seliges Lächeln verschleierte. Eines Tages, wir lernten Vokabeln für eine Englischarbeit, drang seine Stimme durch den Rauch: „AC/DC“, sagte er, „die sind gar nicht schlecht.“ Kurz darauf starb Bon Scott, ich musste trotzdem in den Plattenladen und kaufte mir meine AC/DC-Premiere: „Back in Black“. Das war 1980. Die ersten vier Stücke, angefangen mit dem beinahe elegischen „Hells Bells“ bis hin zum ungemein druckvollen „Givin the Dog a Bone“ zählen bis heute zu meinen Favoriten, besonders bei Autofahrten begleiten mich die unbändigen Riffs von Angus Young. Es fällt dann teuflisch schwer, sich an Tempolimits zu halten. 

Sebastian Külbel (Sportredaktion): Jenseits vom Krawall

Für viele stehen AC/DC am Beginn ihrer musikalischen Sozialisation, ich hingegen habe die größte Hardrockband unseres Planeten erst später für mich entdeckt. Ja, „Thunderstruck“ lag auch auf meinem Weg über Nirvana, Metallica und Iron Maiden in die dunklen Tiefen der Heavy-Metal-Szene, durch die ich seit mehr als 20 Jahren hingebungsvoll wate. Ansonsten waren mir die australischen Mega-Stars lange hauptsächlich egal, ihre neueren Alben sind es immer noch. Dennoch müssen auch Freunde des Mottos „härter, schneller, lauter“ irgendwann einsehen, dass die harte Rockmusik geniale Momente jenseits von Krawall und Gebrüll bereithält. Viele davon haben mit Angus Young zu tun. Minimalistische Riffs zu simplen Rhythmen, kombiniert mit wilden Solo-Ausbrüchen: Das ist nicht nur ein Erfolgsrezept, sondern die Quintessenz des Rock ’n’ Roll. Und wenn dazu auch noch ein begnadeter Gossenpoet wie Bon Scott Texte wie „Girls Got Rhythm“ ins Mikrofon schnoddert, ist klar, warum es AC/DC mit klassischem Pub-Rock in die Stadien dieser Welt geschafft haben. 

Thomas Kühlmann (Sportredaktion): Tabledance im Wohnzimmer

Die Augen meiner Mutter waren schon groß, als mein Erstkommunion-Geld 1973 für einen Kassetten-Rekorder umgesetzt und als erstes Alice Coopers „Elected“ auf das Premieren-Band aufgenommen wurde. Schock-Rock mit neun Jahren hören, das war für sie damals schon seltsam. Als sie meinen Bruder und mich allerdings drei Jahre später dabei überraschte, wie wir – die Musik von „It’s a long way to the top, if you wanna rock ‘n’ roll“ bis zum Anschlag aufgedreht – im Wohnzimmer AC/DC spielten, war der Glaube an unseren gesunden Menschenverstand endgültig vorbei. Der ausgezogene Tisch musste als Bühnensteg herhalten, auf dem ich mich – in einen kurzen Schlafanzug statt der obligatorischen Schuluniform gekleidet und natürlich mit Ledertornister auf dem Rücken – an dem typischen Hüpf-Schritt von Gitarrist Angus Young versuchte und zusehen musste, nicht vom Tisch zu fallen. Die Gitarre war aus Lego gebaut, ebenso das Mikro meines Bruders, der Sänger Bon Scott mimte. Solche „Live-Einlagen“ gehören Gott sei Dank der Vergangenheit an. Die Bewunderung für den ewig jungen, rotzigen Angus Young lebt aber bis heute. 

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