Bei J.C.C. Bruns werden jetzt Medienkaufleute ausgebildet

Fetsnetztelefon und Schreibmaschine - das war einmal. Die Ausbildung im Medienunternehmen hat sich gewandelt. Foto: BillionPhotos.com/Fotolia

Fetsnetztelefon und Schreibmaschine – das war einmal. Die Ausbildung im Medienunternehmen hat sich gewandelt. Foto: BillionPhotos.com/Fotolia

Es gibt zwei Wege, mit dem Fachkräftemangel umzugehen: a) bedauern, bejammern und beklagen. Oder b) aktiv etwas dagegen tun. Bei J.C.C. Bruns geht man traditionell den zweiten Weg. Den aktuell 320 Mitarbeitern der gesamten Unternehmensgruppe und noch einmal fast ebenso vielen Zustellern stehen derzeit 14 Auszubildende sowie drei Volontäre beziehungsweise Volontariatspraktikanten gegenüber. Damit stellt sich J.C.C. Bruns auch seiner gesellschaftlichen Verpflichtung, jungen Leuten ein vernünftiges, fundiertes und vor allem zeitgemäßes Rüstzeug für ihre berufliche Entwicklung mit auf den Weg zu geben.

Für das Ausbildungsjahr 2017 hatte man sich entschieden, künftig Medienkaufleute auszubilden – und keine Industriekaufleute mehr. Zwei Ausbildungsplätze wurden bereits zum 1. August vergeben. „Der Grund für diese Entscheidung war, dass wir bekanntlich kein echtes Industrieunternehmen mit richtigen Industrieprodukten sind“, sagt Lars Kohlmeier, Leiter der Personalabteilung. „Einkauf oder Verkauf beispielsweise funktionieren bei uns ganz anders – was auch die Azubis in der Berufsschule immer wieder feststellen mussten.“ Schon länger trug man sich im Unternehmen mit dem Gedanken dieser Neuausrichtung, die nun realisiert werden konnte.

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Die letzten ihrer Art:Celine Wiesinger, Milena Hohmeyer und Theresa Koch absolvieren seit Sommer ihre Ausbildung zur Industriekauffrau. Foto: Lehn

Als angehende Medienkaufleute lernen die Azubis in einer speziell auf die Medienbranche abgestimmten Ausbildung alle Facetten dieses vielseitigen Berufs kennen. „Alle Bereiche des Verlages sind so viel stärker repräsentiert, als das bisher der Fall war“, erläutert Verlagsreferentin  Janina Auer, die gemeinsam mit Lars Kohlmeier die Ausbildung organisiert. „Diese Ausbildung passt einfach besser zu unserem Unternehmen.“ Eine gewisse Affinität zum Themenbereich Medien sollten die jungen Leute, die sich für diesen Beruf interessieren, also mitbringen. In Zeiten des allgegenwärtigen Smartphones und der regen Nutzung sozialer Netzwerke ist das für die meisten eine Selbstverständlichkeit.

Dass 2017 nur zwei Medienkaufleute ausgebildet werden, hat einen einfachen Grund: Qualität vor Quantität lautet die Devise. Und das erhöht im Anschluss an den Abschluss auch die Chance auf eine Übernahme bei entsprechenden Leistungen. Früher wurde über Bedarf ausgebildet, um den Schulabgängern erst mal eine erste Perspektive zu bieten. Mittlerweile wird es für praktisch alle Ausbildungsbetriebe immer schwerer, geeignete Azubis zu finden. Die Abiturienten zieht es immer mehr an die Hochschulen.

Für die Ausbildung nach eigenem Bedarf gibt es bei J.C.C. Bruns gute Gründe. Einer davon ist die demografische Entwicklung, die auch hier zu spüren ist. Für Kolleginnen und Kollegen, die in absehbarer Zeit in den Ruhestand verabschiedet werden, müssen junge Leute nachrücken. 2016 wurde damit begonnen, die Altersstruktur in der Unternehmensgruppe zu analysieren. Bei der Personalentwicklungsplanung will man den Finger am Puls behalten, um keine Überraschungen zu erleben, wenn jemand ‚plötzlich’ in Rente geht.

Lars Kohlmeier und Janina Auer betreuen die künftigen Medienkaufleute bei ihrer Ausbildung. Foto: Alex Lehn

Lars Kohlmeier und Janina Auer betreuen die künftigen Medienkaufleute bei ihrer Ausbildung. Foto: Alex Lehn

Schwerpunkte der neuen Ausbildung zum Medienkaufmann beziehungsweise zur Medienkauffrau ergeben sich aus dem vernetzten abteilungsübergreifenden Handeln. Das betrifft die Vermarktung von Medien, Werbung in Print und Digital sowie der Mediaboxen. Die Ausbildung umfasst zudem Werbung und Marketing sowie Vertriebswege und Vertriebskonzepte. Auch die Gestaltungsgrundsätze von Digital- und Printmedien werden den Azubis im Verlagshaus J.C.C.Bruns nahe gebracht, sie lernen die Koordination von Abläufen in Magazinen, der Tageszeitung oder digitalen Projekten kennen und erfahren, was es bei den Schnittstellen in den einzelnen Produktionsprozessen zu beachten gilt.

Natürlich kommt der „gute alte Teil der kaufmännischen Ausbildung“ nicht zu kurz. Daher durchlaufen die Auszubildenden die entsprechenden Abteilungen Finanzbuchhaltung und Controlling sowie die Abteilungen Personalwesen und IT.

Die Azubis finden im Laufe der Zeit heraus, für welche Schwerpunkte sie das richtige Händchen haben. Drei Jahre dauert die Ausbildung zur Medienkauffrau/zum Medienkaufmann. Nach erfolgreichem Abschluss können die frischgebackenen Medienkaufleute in den verschiedensten Bereichen des Verlagshauses arbeiten und sind fit für die Medienwelt.

Quelle: johann! Nr.1, Frühjahr 2017

„Ja, wir haben Fact-Checker – wir nennen sie Journalisten“: Interview mit BDZV-Chef Matthias Döpfner

BDZV-Präsident Matthias Döpfner im Gespräch mit DPA-Journalisten. Foto: Kay Nietfeld/dpa

BDZV-Präsident Matthias Döpfner im Gespräch mit DPA-Journalisten. Foto: Kay Nietfeld/dpa

Einer der profiliertesten deutschen Medienmanager führt seit einigen Monaten den Verband der Zeitungsverleger (BDZV). Springer-Chef Mathias Döpfner mahnt die Medien, mehr auf ihre Glaubwürdigkeit zu achten – auch im Kampf gegen «Fake News». Dagegen helfe nur  die hartnäckige Recherche der Medien. Weder eine staatliche Stelle oder Hilfen für Facebook seien geeignet, falsche Nachrichten in den sozialen Medien zu entlarven. „Der beste Garant für den mündigen Bürger ist die Vielfalt der Information, der Meinungen und Wahrheiten“, sagt Döpfner (54) in einem Interview, das Antje Homburger und Esteban Engel für die Deutsche Presseagentur (DPA) mit ihm geführt haben. Das MT druckt es in Auszügen in der Print-Ausgabe – hier dokumentieren wir es im vollen Umfang:

Herr Döpfner, Politik und Medien beschäftigen sich aktuell mit dem Thema «Fake News», also der Frage, wie man gefälschte Nachrichten erkennt und bekämpft. Für wie groß halten Sie das Problem?

Das hat es schon immer gegeben. Es wurden seit Hunderten von Jahren auf dem Gemüsemarkt oder nach drei Bieren in der Kneipe Unwahrheiten gesagt und Gerüchte verbreitet. Im Zeitalter sozialer Medien bekommt das allerdings eine andere Wirkung. Jeder kann es sehen. «Fake News» ist eben nicht professioneller Journalismus, sondern genau das Gegenteil.

Wie sollten Medienunternehmen dann mit dem Thema umgehen?

Ich rate zu mehr Ruhe und finde es falsch, dass professionelle Medien jetzt sozialen Medien helfen sollen, «Fake News» zu identifizieren und Fakten zu checken. Wenn Soziale Medien nicht mehr Technologieplattformen, sondern Medienunternehmen betreiben wollen, dann müssen sie Redakteure einstellen, die Kosten einrechnen und sich mit einer anderen Regulierung auseinandersetzen. Denn wenn ein Technologie-Monopol fast zwei Milliarden Leser erreicht und die Inhalte-Auswahl kontrolliert, ist das das genaue Gegenteil von Vielfalt.

Facebook sucht in Deutschland Partner für das Faktenchecking – eine Rolle für Zeitungshäuser, eine Rolle für Ihr Haus? ARD und ZDF sind auch von Facebook angefragt worden.

Da bin ich sprachlos. Ich verstehe nicht, wie man Gebührengelder missbrauchen könnte, um das Glaubwürdigkeitsproblem eines Weltmonopols zu lösen, das Milliardengewinne erwirtschaftet. Ich hoffe, dass es sich um ein Missverständnis handelt. Dazu eine Anekdote: Ein internationaler Verleger hat mir berichtet, dass Facebook bei ihm nach «Fact-Checkern» gefragt hat. Der Verleger antwortete: «Ja, wir haben Fact-Checker – wir nennen sie Journalisten.» Genau das ist es: Unsere beste Methode, die Leute vom Konsum von «Fake News» abzubringen, ist, wenn wir authentisch und wahrhaftig berichten. Das ist die Aufgabe von Zeitungen. Und das heißt: Durch gute Recherche die Wahrheit ans Licht bringen und sie veröffentlichen, auch wenn es unbequem ist.

Haben sich die Verlage, auch Springer, bei Facebook nicht auf eine Plattform begeben, auf der «Fake News» und Gerüchte auf einer gleichen Ebene wie ihre seriösen Nachrichten wahrgenommen werden?

Wir haben bei Axel Springer entschieden, an einem Test mit «Instant Articles» teilzunehmen. Der Test ist nicht abgeschlossen. Wenn wir Zugang zu jungen und neuen Lesern gewinnen, uns von «Fake News» unterscheiden und damit neue Abonnenten und echte digitale Kunden gewinnen, dann ist das extrem positiv. Wenn aber rauskommt, dass wir für Facebook Kundenbeziehungen herstellen und deren Reichweite sowie Verweildauer nach oben treiben, Facebook aber die Kundendaten und den größten Anteil der Werbeerlöse für sich behält und uns beim Gewinnen digitaler Abonnenten nicht unterstützt, dann ist das keine attraktive Partnerschaft. Um das herauszufinden testen wir.

Die Bundesregierung will offenbar ebenfalls aktiv werden und Aufklärung gefälschter Nachrichten zur Regierungsaufgabe machen. Spötter sprechen von einem «Wahrheitsministerium», Sie auch?

George Orwell war harmlos dagegen. Ich habe den Eindruck, dass gerade ein paar Grundprinzipien freiheitlicher Gesellschaftsordnung mit Füßen getreten werden. Viele böse Dinge dieser Welt begannen im Namen der guten Absichten. Die gute Absicht heilt den Bruch eines Prinzips nicht. Was Wahrheit ist, definiert keine Regierung, auch nicht Facebook. Und was den Menschen zuzumuten ist, sollten nicht Zensurbehörden definieren. Der beste Garant für den mündigen Bürger ist die Vielfalt der Information, der Meinungen und Wahrheiten unterschiedlicher Verleger, TV- und Radiosender oder Online-Anbieter.

Print und online: Das Döpfner-Interview in der Version für die gedruckte MT-Ausgabe fällt aus Platzgründen um einige Fragen und Antworten kürzer aus. Repro: MT

Print und online: Das Döpfner-Interview in der Version für die gedruckte MT-Ausgabe fällt aus Platzgründen um einige Fragen und Antworten kürzer aus. Repro: MT

Schrumpfende Auflagen, sinkende Werbeerlöse, höhere Online-Reichweiten ohne lukrative Mehreinnahmen – Medienjournalisten zeichnen ein düsteres Bild vom deutschen Zeitungsmarkt. Wie oft haben Sie es schon bereut, Präsident des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger zu sein?

Noch keine einzige Sekunde, ganz im Gegenteil. Ich hatte die Entscheidung zunächst sozusagen aus patriotischem Pflichtgefühl für das Zeitungswesen getroffen, das sich im digitalen Wandel befindet. Ich war innerlich auf viele Schwierigkeiten eingestellt, aber habe seitdem genau das Gegenteil erlebt. Der BDZV ist ein extrem professioneller Verband mit der Haltung, sich dem Wandel entschieden zu stellen.

Ihr Haus, Axel Springer, hat sich sehr viel früher als die Branche als digitales Medienunternehmen definiert. Spüren Sie Widerstände unter den Mitgliedern?

Auch darauf war ich innerlich vorbereitet, aber bisher habe ich das überhaupt nicht festgestellt. Dass grundsätzlich die Digitalisierung für jeden Zeitungsverleger ein großes Thema ist – darüber gibt es keinen Zweifel mehr. Nach meiner Antrittsrede, in der ich viel über soziale Medien gesprochen habe, gab es keinen Widerstand sondern viel Unterstützung. Fast alle Mitglieder wissen, dass Digitalisierung kein Entweder-Oder ist. Die digitale Transformation heißt nicht, dass Print keine Zukunft hat. Mit Print ist aber – von wenigen Ausnahmen abgesehen – kein Wachstum mehr zu bestreiten, mit der digitalen Zeitung sehr wohl.

Der BDZV hat eine Studie in Auftrag gegeben, um die Stimmung unter den Verlegern zu erfragen. Wie ist die Stimmung denn?

Sie ist deutlich besser geworden. Vor zehn Jahren war hier von einigen die Haltung: Das Internet ist eine vorübergehende Erscheinung, die wir bekämpfen müssen. Vor fünf Jahren war dann die Sorge, dass wir ganz überrollt werden und es für Verleger und Journalisten keine Zukunft mehr gibt. Heute fühlen sich die Verlage ermutigt, dass sie mit Bezahlangeboten und Abo-Modellen ernstzunehmende Erlöse generieren können. Immer mehr Verlage verzahnen Print- und Onlineredaktion und arbeiten multimedial. Und immer mehr Journalisten sehen das als interessante Erfahrung.

Welche technische Plattformen werden in der Zukunft entscheidend sein?

Das analoge Papier wird noch lange wichtig sein und ein profitables Geschäft bleiben, länger als viele denken. Aber der Distributionsweg der Zukunft wird das elektronische Papier sein. Die Lesegeräte werden immer kleiner, unauffälliger, irrelevanter. Auch in der Musik hatten wir die Schellackplatte, dann folgten Vinyl, Kassette, CD, MP3-Player. Und jetzt haben Sie nur noch die Musik an sich, etwa aus einem Smartphone: Das Medium hat sich immer unwichtiger gemacht, der Inhalt ist wichtig geblieben.

Und beim Journalismus?

Da gibt es einen ähnlichen Trend: Vom Computerbildschirm zum Tablet und Smartphone bis hin zur faltbaren Folie – das Medium ist kein Thema mehr, es kommt auch hier immer mehr auf den Inhalt an. Das sind gute Zeiten für Journalisten. Wenn dann auch das Geschäftsmodell stimmt, die Monetarisierung durch Werbung und zahlende Kunden funktioniert, dann haben wird die besten Zeiten noch vor uns.

Sie klingen sehr optimistisch…

Ja. Gefahren sehe ich vor allem durch unfaire Wettbewerbsbedingungen sowie Technologie- und Vertriebsmonopole und auch hausgemachte Fehler.

Seit Jahren wollen die Verleger, dass die öffentlich-rechtlichen Sender ihr Textangebot im Internet begrenzen, weil sie das als Konkurrenz empfinden. Der BDZV verhandelt schon lange darüber mit der ARD. Wie weit sind die Gespräche?

Fakt ist: ARD und ZDF sind im Internet Verleger geworden. Deren Angebote sehen mehr oder weniger wie die von Zeitschriften und Zeitungsverlegern im Netz aus. Da die Öffentlich-Rechtlichen das mit Gebührengeldern finanzieren – und für den Nutzer das Angebot gefühlt kostenlos bleibt – können wir das als Wettbewerbsverzerrung nicht akzeptieren. Wir sind in Gesprächen, es gibt einen Einigungsvorschlag der ARD-Intendanten, die auf die Unterscheidbarkeit der Angebote abzielt. Das Präsidium des BDZV hat diesen Vorschlag akzeptiert und unterschrieben. Jetzt warten wir auf die ARD-Intendanten. Wenn es nicht zu einer Einigung kommt, ist nach so vielen Jahren dann auch unsere Geduld am Ende. Dann werden wir juristisch die Schritte einleiten, die man schon lange hätte unternehmen können. Aber ich bin zuversichtlich.

Wann rechnen Sie mit einer Entscheidung?

Sehr bald. In diesem Monat.

Matthias Döpfner im DPA-Interview. Foto: Kay Nietfeld/dpa

Matthias Döpfner im DPA-Interview. Foto: Kay Nietfeld/dpa

Immer wieder wird eine Finanzierung von Qualitätsjournalismus über Stiftungen ins Gespräch gebracht. Könnte das ein warmer Regen wie die Google News Initiative für die Medien werden?

Nein, das wäre das Ende. Ein Zeitungsjournalismus, der nur von Stiftungen getragen wird und ein reiner Subventionsempfänger ist, kann seine Aufgabe nicht mehr erfüllen. Seit vier Jahrhunderten hat sich ein wunderbarer Wettbewerb basierend auf dem Prinzip der privatwirtschaftlichen Finanzierung etabliert. Wenn am Ende aber nur noch Stiftungen einspringen, wäre das ein Signal der Schwäche. Man würde das Leiden auf eine für die Presse besonders unangenehme Weise verlängern, weil dann politische Parteien in den Gremien entscheiden würden. Das wäre Staats-Presse, man könnte nicht mehr von einem freien, regierungskritischen und unabhängigen Journalismus sprechen. Einer solchen Bedrohung können wir nur standhalten, wenn die Verlage wirtschaftlich erfolgreich sind.

Haben Sie Forderungen an die Politik?

Es ist nicht einzusehen, dass der digitale Journalismus nicht denselben bevorzugten Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent hat, wie im Print. Das sind Dinge, für die wir kämpfen. Aber das ist das Gegenteil von Subventionen und Stiftungen. Die Politik sollte überlegen, wie sie uns Knüppel, etwa Überregulierung, weltfremden Datenschutz oder einen überzogenen Mindestlohn im Vertrieb, erspart. Also bitte nicht erst erwürgen und wenn wir schon fast tot sind, sagen: Hier ist noch ein bisschen Sauerstoff aus der Staatskasse.

Thema Frauenquote: Könnten damit mehr Frauen in Führungspositionen in den Zeitungen kommen?

Es ärgert mich, dass das Thema über die Quote eine politisch-korrekte Strafarbeit geworden ist. Das hat es nicht verdient. Es ist im ureigenen Interesse von Wirtschaftsunternehmen, dass sich die Zusammensetzung ihres Kundenkreises im Führungspersonal spiegelt. Es kann nicht gesund sein, wenn eine Zeitung zu 50 Prozent von Leserinnen gekauft wird, in Führungspositionen aber zu 100 Prozent Männer sitzen. Bei Axel Springer gibt es keine starre Quote. Mit verschiedenen Maßnahmen haben wir bereits einen 30 Prozent-Anteil bei Führungspositionen erreicht. Ein Anfang.

Wie sehen Sie die Debatte um vermeintlich staatstragende Medien, gibt es eine zu große Nähe von Politik und Medien?

Wir werden mittlerweile von vielen als Teil einer großen Eliten-Kungelei wahrgenommen. Statt Facebook zu helfen, sollten wir unsere Hausaufgaben machen. Die heißen: Vertrauen schaffen für das und durch das, was wir veröffentlichen. Denn die Glaubwürdigkeit von Zeitungen ist zurückgegangen. Und warum ist das so? Doch nicht wegen Bösewicht Facebook. Vielmehr haben wir selbst offenbar etwas nicht richtig gemacht. Vielleicht sprechen wir zu sehr wie Politiker, in Worthülsen, Sprechblasen, in politisch-korrekt abgeschliffenen Formulierungen. Vielleicht transportieren wir zu oft Wünsche, wie etwas sein müsste und zu selten Fakten, Tatsachen, schonungslose Beobachtungen. Vielleicht haben wir auch durch weltfremde Political Correctness Vertrauen eingebüßt.

Können Sie Beispiele nennen?

Die Trump-Wahl und der Brexit. Hier haben viele Medien offenbar die eigene gute Absicht mit der Stimmung in der Bevölkerung verwechselt. Selbst der erbittertste Trump-Gegner kommt ins Grübeln, wenn Trump immer nur als Clownsfratze gezeigt wird und er dahinter eine Absicht vermutet. Dann ärgert er sich und sagt sich: «Ich entscheide, ob ich den gut finde oder nicht.» Über solche Fragen müssen wir nachdenken. Denn Authentizität und Klartext sind wichtiger als Vermischung von guten Absichten und Halbwahrheiten. Da liegt unsere Herausforderung. Das ist aber auch die größte Chance gegen «Fake News», wir sind die Alternative.

Trump twittert, die AfD nutzt Facebook zur Kommunikation mit Wählern wie zum Erzielen medialer Aufmerksamkeit. Wenn das weiter Schule macht, was können Medien tun, um relevant zu bleiben?

Wir sehen einen wachsenden Graben zwischen politischen Eliten und den Medien auf der einen Seite und der sogenannten normalen Bevölkerung auf der anderen. Das muss man ernst nehmen. Ein guter Journalist redet mit jedem, auch mit halbseidenen Figuren, zur Not auch mit Verbrechern und Diktatoren, aber hält bei allen, selbst bei Idealisten und Weltverbesserern, den nötigen Abstand. Und dieser Abstand ist in einigen Fällen immer geringer geworden. Manche Journalisten verstehen sich inzwischen als Politikberater und betreiben einen Journalismus, der sich an ein paar Eingeweihte richtet, denen sie Codewörter zurufen. Der eigentliche Empfänger ist nicht mehr der normale, intelligente, aufgeschlossene, aber nur bedingt informierte Leser, sondern die Kollegen, Politiker, Künstler oder Wirtschaftsführer.

Gibt es so etwas wie eine Leserverdrossenheit?

Es gibt bei den Medien zu viel Nähe zu jenen, über die man eigentlich kritisch berichten müsste, zu viel Rücksicht auf die Wünsche, an Interviews solange zu arbeiten bis genau das Gegenteil von dem übrig bleibt, was einer gesagt hat. Zu viele Hintergrundgespräche, bei denen alles gesagt wird, aber man davon dann nur zehn Prozent schreiben darf. Die Leser spüren das und es nährt den immer noch mehrheitlich falschen Eindruck: „Die stecken mit den Politikern unter einer Decke“.

Wie halten Sie es denn mit der Nähe?

Gute Frage. Ich glaube, dass ich mich da mehr wie ein Journalist, weniger wie ein CEO verhalte. Ich versuche, auch immer diesen Rest Abstand zu wahren. Eine gewisse Grunddistanz ist gut. Zwischen allen Stühlen sitzt der Journalist richtig. Wir sind nur solange ein nützlicher Teil des demokratischen Systems, wie wir kritisch berichten und uns eben nicht gemein machen mit den Objekten unserer Berichterstattung. Unsere Aufgabe ist es nicht, konstruktiv zu sein. Wir sind am Ende die Kraft der Kritik. Ohne Kritik transformiert das Konstruktive zur Propaganda.

Zu guter Letzt: Würden Sie wieder Journalist werden?

Unbedingt. Aus tiefster Überzeugung. Es ist der schönste Beruf der Welt. Kein Beruf bietet solche Möglichkeiten, Neugierde zu befriedigen und in alle Bereiche der Gesellschaft hineinzuleuchten: In die große Politik, das lokale Gemeinwesen, die hohe Kunst, die Unterhaltung. Es ist ein kreativer Beruf und gesellschaftlich relevant. Freie, offene Gesellschaften brauchen unabhängigen Journalismus. Deswegen verstehe ich nicht, dass man auf einmal so verzagt ist, weil sich der Vertriebsweg nicht mehr nur auf Papier beschränkt. Wir brauchen selbstbewusste und bodenständige Journalisten, die sich nicht besser als andere fühlen und ihren Job mit Lust und Leidenschaft betreiben. Gute Inhalte, professionelles Management und ein fairer politischer Regulierungsrahmen – dann ist das für junge Menschen der Traumjob überhaupt.

ZUR PERSON: Mathias Döpfner (54) ist seit 2002 Vorstandsvorsitzender des Medienhauses Axel Springer («Bild», «Die Welt») und seit Juli 2016 Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV). Döpfnerhat Springer konsequent auf die Internet-Welt und die Digitalisierung ausgerichtet. Dem BDZV gehören 281 Tageszeitungen mit einer Gesamtauflage von 13,7 Millionen verkauften Exemplaren sowie 13 Wochenzeitungen mit knapp einer Million verkauften Exemplaren an.

BDZV: Zeitungsverlage werden noch digitaler und wollen ihren redaktionellen Kern weiter stärken

Eine der Erkenntnisse der BDZV-Trendumfrage: Die deutschen Zeitungsverlage bauen ihre digitale Kompetenz weiter aus. Repro: MT

Eine der Erkenntnisse der BDZV-Trendumfrage: Die deutschen Zeitungsverlage bauen ihre digitale Kompetenz weiter aus. Repro: MT

Die deutschen Zeitungsverlage wollen ihren redaktionellen Kern weiter stärken. Für 70 Prozent ist die Entwicklung neuer journalistischer Produkte das Top-Thema des Jahres. Dies ist eines der wesentlichen Ergebnisse der repräsentativen Studie „Trends der Zeitungsbranche 2017“, die der BDZV heute in Berlin gemeinsam mit der Unternehmensberatung SCHICKLER vorgestellt hat. Nach Jahren der erfolgreichen Diversifikation in neue Geschäftsfelder, wie E-Commerce, Logistik oder die Investition in Start-ups, rücke 2017 der Ausbau des journalistischen Kerngeschäfts wieder in den Fokus, sagte BDZV-Hauptgeschäftsführer Dietmar Wolff.

„Die Verlage wollen ihre redaktionellen Angebote vor allem im Digitalen ausbauen und hier auch signifikante Umsätze erzielen“, so Wolff. 71 Prozent der Verlage planten ein deutliches Wachstum mit digitalen Content-Erlösen. Dabei setzten die Unternehmen auf Unterstützung durch den professionellen Umgang mit Social Media ebenso wie auf die wachsende Nutzung von Big Data. Die Studie identifiziert drei Trends:

  1. Social Distribution wird gezielt eingesetzt und ausgebaut.
  2. Big Data – die Nutzung von Algorithmen zur Datenanalyse – wird in Verlagen zur Realität.
  3. Die digitale DNA setzt sich immer weiter durch.

Alexander Kahlmann, Partner bei der Unternehmensberatung SCHICKLER, führte aus, dass „die Digitalisierung in der operativen Breite der deutschen Verlagslandschaft gelebt“ werde. Die Hälfte der Verlage gebe beispielsweise an, Inhalte ausschließlich für Social Media aufzubereiten, oder plane dies. Darüber hinaus wolle fast die Hälfte (46 Prozent) Redakteure einsetzen, die sich ausschließlich mit Social Media beschäftigten.

Auch das „Buzzword Big Data“, betonte Kahlmann, werde greifbarer und konkreter. „Verlage erwarten zeitnah positive wirtschaftliche Effekte durch den Einsatz datenbasierter Algorithmen, besonders in Vermarktungsbereichen.“ Beispielhafte Anwendungen seien die Ermittlung sehr spezifischer Marktpotenziale und die automatisierte, intelligente Verkaufssteuerung.

An der Studie „Trends der Zeitungsbranche 2017“ haben 90 Verleger und Geschäftsführer teilgenommen, darunter auch das MT. Sie repräsentieren nach Verlagen ein gutes Drittel der Branche (36 Prozent), nach Auflage die Hälfte (49 Prozent)

Die Verbreitung redaktioneller Inhalte in Sozialen Netzwerken wird für Verlage immer bedeutungsvoller. Repro: MT

Die Verbreitung redaktioneller Inhalte in Sozialen Netzwerken wird für Verlage immer bedeutungsvoller. Repro: MT

Quelle: BDZV

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Die Afrika-Reise von MT-Redakteur Karsten Versick ist fast vorbei

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Ist dies nun Wunschdenken oder eine Art „Tüv“-Siegel? MT-Foto: Karsten Versick

Nachdem Karsten Versick einige, detaillierte Impressionen aus Nairobi nach Deutschland schicken konnte, setzte er seine Reise mit der Deutschen Gesellschaft der Vereinten Nationen (DGVN) nach Addis Abeba fort. Bis Dienstag absolvieren die sechs Journalisten eine vergleichbare Tour wie in Nairobi, um die Umsetzung der UN-Projekte in einem anderem afrikanischen Land zu begutachten.

Am Mittwoch reisen alle Berichterstatter zurück nach Deutschland. Wir sind gespannt auf die Erlebnisse und Geschichten die Kollege Versick berichten wird.

Von Hans-Georg Gottfried Dittmann, Volontär

Nachts Zeitungen austragen, tagsüber Deutsch lernen: Flüchtlinge als MT-Zusteller

Die Arbeit als Zusteller gibt den Flüchtlingen eine Chance, ihr Leben zu ordnen. J.C.C.Bruns ist Mitbegründer der Initiative "Flüchtlinspartner Minden". Foto: Alex Lehn

Die Arbeit als Zusteller gibt Flüchtlingen eine Chance, ihr Leben zu ordnen. J.C.C.Bruns ist Mitbegründer der Initiative „Flüchtlinspartner Minden“. Foto: Alex Lehn

Zwei junge Männer aus Afghanistan haben nach einer abenteuerlichen Flucht
in Minden ein neues Zuhause gefunden. Sie arbeiten als Zeitungszusteller beim MT.

Jamal Imari (Name von der Redaktion geändert) hat einen Traum. Er will Journalist werden. Er will spannende Themen recherchieren, packende Berichte schreiben, Geschichten erzählen. Geschichten über Ereignisse und über andere Menschen. Dabei bietet sein eigenes Leben schon genug Stoff für eine ganze Zeitung. Jamal Imari ist 22 Jahre alt. Er stammt aus Afghanistan. Jeden Morgen trägt er das druckfrische Mindener Tageblatt in der Altstadt aus. Schon mal ein Anfang.

In seinem Heimatland studierte er im dritten Semester Journalistik. Nebenbei hatte er einen Buchladen. Und war umgeben von Unruhen, Gewalt, Missbrauch. Das Grauen ist schwer in Worte zu fassen. Für Jamal Imari war das lange Zeit gelebte Realität. Er arrangierte sich damit. Irgendwie. Doch mit der Zeit schnürte ihm die Angst immer weiter die Kehle zu, nahm ihm die Luft zum Atmen.

Jamal Imari verkaufte seinen Laden und investierte das Geld in ein Flugticket in den Iran. Seine Odyssee begann am 6. August 2015. Er ließ alle zurück: Vater, Mutter, Schwester, die drei Brüder und sein gesamtes soziales Umfeld. In den folgenden Monaten floh er über die Türkei, Griechenland und Mazedonien. Per Flugzeug, Bus, Boot, Zug, Auto oder zu Fuß – jedes Fortbewegungsmittel war ihm recht. Er wollte nur eines: weg.

Nach 76 Tagen kam der junge Afghane endlich in Deutschland an. Anfangs war er im Sauerland untergebracht, später kam er nach Minden. Zurzeit lebt er in einer Wohngemeinschaft. Beim Mindener Tageblatt arbeitet er jeden Morgen, von halb zwei Uhr nachts bis sechs Uhr morgens. Schwingt sich auf sein Fahrrad, holt die zu verteilenden Zeitungen ab, bepackt die Seitentaschen und den Anhänger, der hinten am Fahrrad montiert ist. Die Mindener Altstadt ist sein Revier. Schnell kannte er sich hier aus, war mit den Vorlieben der Leser vertraut. Der eine möchte seine Zeitung ganz gerade, auf keinen Fall gerollt im Briefkasten vorfinden. Der andere bittet darum, die Gartentür geschlossen zu halten, damit der Hund nicht wegläuft.

Jamal Imari ist beim Mindener Tageblatt nicht der einzige Zusteller aus Afghanistan. Auch sein Landsmann Nuri Baizu (Name von der Redaktion geändert) verteilt die neuesten Nachrichten. In der Nordstadt. Zwei Monate war der 19-Jährige zu Fuß auf der Flucht. Jetzt lernen beide erst einmal Deutsch. Nach den ersten grundlegenden Sprachkursen drücken Jamal und Nuri nun täglich die Schulbank, um die fremde Sprache möglichst schnell zu perfektionieren. Denn eines steht fest: ohne Sprache keine Integration. Und integrieren wollen sie sich. Die zwei haben einen Flüchtlingspaten an ihrer Seite. Claus Kynast ist pensionierter Polizist. Er engagiert sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe. Dank seines Netzwerkes ist der Kontakt zur Unternehmensgruppe J.C.C. Bruns entstanden, die sich in der Initiative „Flüchtlingspartner Minden“ engagiert.

Die Aufgabe als Zusteller schien ideal für die beiden jungen Männer aus Afghanistan. Zwei Wochen lang machten sie ein Praktikum. Machten es so gut, dass der Verlag den Gang durch die Instanzen aufnahm: Und der war langwierig. Fast zwei Monate dauerte es, bis Teamleiterin Olga Giesbrecht alle erforderlichen Papiere und Genehmigungen zusammenhatte, die die Voraussetzung für die Arbeitsgenehmigung waren. „Da ist man als Betrieb auf sich allein gestellt, herauszufinden, wie das funktioniert.“ Ablaufpläne oder Vorgaben, an denen man sich entlanghangeln könnte, gibt es nicht. Vielmehr sind Geduld und Ausdauer gefragt, um dem Antrag auf Einstellung zum Erfolg zu verhelfen.

„Arbeit zu haben“, sagt Flüchtlingspate Claus Kynast, „das ist immens wichtig für das Selbstwertgefühl, für einen strukturierten Alltag. Der wäre sonst von Langeweile und Grübelei bestimmt.“ Seiner Meinung nach braucht es viel mehr Unterstützung und Hilfe, damit die vor Krieg und Gewalt geflohenen Menschen eine reelle Chance haben, ihre Träume verwirklichen zu können. So wie Jamal Imari, der Journalist werden will – nach wie vor.

Quelle: „johann!“ Nr.1, Frühjahr 2017