“Aufnehmen, verarbeiten, weitergeben” – Sind Sie fit für die Zukunft der Arbeit?

Premiere im “Ideenreich” der Unternehmensgruppe J.C.C. Bruns. Die Geschäftsführer Sven Thomas (l.) und Carsten Lohmann (r.) mit Referent Ole Wintermann nach dem Vortrag über die digitale Zukunft der Arbeitswelt. MT-Foto: Monika Jäger

Wo stehen wir in Deutschland? Welche Herausforderungen gibt es in der Arbeitswelt und der Gesellschaft? Diese Fragen versuchte Dr. Ole Wintermann von der Bertelsmann-Stiftung in einem Vortrag vor Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Bruns-Unternehmensgruppe in deren neuen “Ideenreich” zu beantworten. Um es vorweg zu nehmen: Weder für Deutschland, noch für die Arbeitswelt und die Gesellschaft fiel das Urteil besonders positiv aus.

Im Vergleich zu anderen Staaten liegt Deutschland bestenfalls im Mittelfeld, ob bei Produkt-Innovationen, Internet-Nutzung oder Breitband-Ausbau. Die beste Platzierung im weltweiten Vergleich erreicht  Deutschland bei der Netzabdeckung mit 3G oder LTE – gleichauf mit dem Senegal und Georgien.

Auch im Alltag der Deutschen scheint der digitale Wandel nicht an der großen Skepsis der Bürger vorbei zu kommen. Während in der schwedischen Einöde die Straßen-Maut nur noch mit einer Kreditkarte bezahlt werden kann, können in Kiel mehrere tausend Kreuzfahrt-Passagiere pro Tag in vielen Geschäften nur bar bezahlen. “Cash only”, steht in übergroßen Lettern an den Souvenir-Shops. “Nicht, weil das Kartenlesegerät kaputt ist, sondern weil sich das nicht lohnt”, zitiert Wintermann einen Ladenbesitzer.

 

 

Nicht alles sei dem technischen Verdruss der Bevölkerung geschuldet, auch der übertriebene Datenschutz der Bundesrepublik verhindere längst funktionierende Innovationen, sagt Wintermann. Aufgrund der Vernetzung von Patientendaten werde in anderen Teilen Welt ein Ärztemangel bereits durch Ferndiagnosen abgemildert.

Vor diesem Hintergrund analysiert der promovierte Politikwissenschaftler die schleppend voranschreitende Digitalisierung in der deutschen Arbeitswelt. Viele Unternehmen wähnen sich mit der Anschaffung neuer Hardware und neuen Programmen zur Mitarbeiter-Kommunikation in der digitalen Zukunft angekommen. Das sei ein fataler Denkfehler, sagt der 50-Jährige, denn die neuen Möglichkeiten würden nur für die alten Hierarchien und Arbeitsabläufe genutzt. “In Deutschland ist die Produkt- und Produktionstradition eines Unternehmens unheimlich wichtig”, sagt Wintermann. Davon werde selten abgewichen – und das hemmt den Wandel des Unternehmens hin zu einer digitalen Firma. Denn die neue Technik erfordere neue Arbeitsabläufe, neue Arbeitsverhältnisse, um das vorhandene Potential auszuschöpfen.

Durch die Vernetzung der Welt wird es immer unwichtiger, einen festen Arbeitsplatz zu haben. Eine dezentrale Unternehmensstruktur ermögliche den Angestellten nicht nur eine bessere Vereinbarung von Familie und Beruf, sondern auch einen besseren Einsatz ihrer Qualifikationen und Qualitäten. Wintermann geht davon aus, dass die Fachkräfte nicht mehr in ihren Abteilungen bleiben, sondern sich zu einzelnen Projekten zusammenschließen, um ihre Fähigkeiten besser einzubringen. Für Unternehmen und Arbeitnehmer entstehe dadurch ein hoher Mehrwert.

 

Das führe auch dazu, dass die Tätigkeiten wichtiger werden als die Qualifikationen, sagt Wintermann. Angestellte und Führungskräfte müssten sich ihr Berufsleben lang fortbilden und dazu lernen. Mit der Digitalisierung entstünden ständig neue Möglichkeiten, ein Produkt herzustellen, eine Dienstleistung zu erbringen. “Ausgelernt” wird in absehbarer Zukunft niemand mehr haben.

Erste Schritte von einer Unternehmenskultur zu einer Projektkultur seien bereits zu beobachten, sagt Wintermann. Immer mehr Menschen – in diesem Fall selbstständige Einzelpersonen – bieten auf Freelancer-Plattformen ihre Dienste an. Ein Unternehmen sucht sich die passenden Individuen für ein Projekt zusammen und beauftragt dieses Team mit der Umsetzung. Nach Abschluss des Auftrages gehen die Freelancer “wieder von Bord”, um sich das nächste Projekt zu suchen. Innerhalb eines Unternehmens werde ein Projekt immer häufiger mit Angestellten verschiedener Abteilungen besetzt, um deren Fachkompetenzen in einem Projekt zusammenzufassen. Danach formieren sich die Teams wieder neu.

In einem solchen Team müssten die Menschen nicht einmal mehr am selben Ort sein. Eine Publikation zu einem Thema könne von 75 Personen an 75 verschiedenen Orten verfasst werden. Die Autoren müssten sich während der Zusammenarbeit kein einziges Mal treffen. Nach der Veröffentlichung verfolge jeder wieder ein anderes Projekt, sagt Wintermann, der auf diesem Wege bereits mit anderen Fachleuten Sammelbände veröffentlicht hat.

 

Wie sich die Unternehmen immer weiter vom digitalen Arbeiten entfernen, verdeutlicht Wintermann am Beispiel der Schatten-IT.  Während in den Firmen weiterhin zum Beispiel SAP und Oracle vorherrschen, benutzen die eigenen Angestellten immer mehr Software und Endgeräte für Android oder iOS. Dadurch entstehen neue Kommunikationsplattformen, die der IT-Abteilung nicht bekannt sind und nicht in eine Planung mit aufgenommen werden.

Im J.C.C.-Bruns-Verlag benutzt beispielsweise die Online-Redaktion des Mindener Tageblatts eine eigene Whatsapp-Gruppe, um dem dienst-habenden Redakteur neue Nachrichten möglichst schnell mitzuteilen, damit er sie auf der Internetseite veröffentlichen kann. Die Whatsapp-Nachricht wird nicht nur schneller als eine E-Mail gelesen, der Absender muss noch nicht einmal wissen, wer gerade Dienst hat; eine weitere Zeitersparnis. Dieser “kurze Dienstweg” bleibt der hauseigenen IT verborgen, sie kann ihn nicht in die interne Kommunikation aufnehmen. “In Deutschland driften diese beiden Welten immer weiter auseinander”, sagt Wintermann.

Viele Menschen haben Angst vor der Digitalisierung und fürchten um ihre Jobs. Das treffe in Deutschland auch auf jede dritte Führungskraft zu, sagt Wintermann. “Eine eigene Entscheidung der Führungskräfte wird überflüssig, da eine Künstliche Intelligenz (KI) oder ein Algorithmus den Erfolg oder Misserfolg berechnen kann”, beschreibt der 50-Jährige seinen Blick in die Zukunft. Experimente habe es in diese Richtung schon gegeben. In einer US-Firma wurde ein Algorithmus als stimmberechtigtes Vorstandsmitglied eingeschaltet, dessen Entscheidungen von Erfolg gekrönt waren, wenn auf eine hohe Datenmenge zurückgegriffen werden konnte. “Dabei ist nicht wichtig zu verstehen, welches Ergebnis der Algorithmus errechnet. Es ist wichtig zu verstehen, warum der Algorithmus das Ergebnis errechnet”, sagt Wintermann.

Das Internet der Dinge und die Smart-Home-Geräte dringen schon heute immer tiefer in unseren Alltag hinein. Hauptsächlich werden die Technologien noch für die Sicherheit und das Energiemanagement genutzt, aber diese Funktionen lassen sich nahezu beliebig erweitern. Der Fernzugriff auf das Smart-Home ist nur der Anfang dieser Entwicklung. Für das Privatleben und die eigene Sicherheit sind die Deutschen durchaus bereit, digitale Möglichkeiten zu nutzen.

Im Geschäftssektor geht es aber auch gänzlich ohne Menschen. Die Investmentfirma The DAO besteht nur aus einem Code. Dieser Code ist ein festgeschriebener Vertrag, der im Internet hinterlegt wird und nicht mehr verändert werden kann, ein sogenannter Smart Contract. Dieser basiert auf einer eigens dafür generierten Blockchain, in der alle Transaktionen gespeichert und einzelnen Akteuren zugewiesen werden können. Vereinfacht gesagt, werde dabei in einem unabhängigen Programm jede Transaktion eindeutig nachgewiesen und zugeordnet, sagt Wintermann.

“Die Banker haben es schon auf dem Schirm, dass dadurch ihr Beruf überflüssig werden kann”, sagt der Forscher. Ihre Dienste als Vermittler zwischen der Investmentfirma und dem Kunden werden nicht mehr benötigt. Juristen sehen in der Digitalisierung aber noch keine Bedrohung, sagt Wintermann. Aber auch ihre Dienstleistung der notariellen Beglaubigung könne in absehbarer Zeit überflüssig werden. Durch eine Blockchain entstehe automatisch ein nicht anfechtbarer Vertrag zwischen zwei Parteien – ein Anwalt plus Provision sei überflüssig.

Das alles mache deutlich, dass in der Arbeitswelt der Zukunft gefestigte Computerfähigkeiten zwingend vorhanden sein müssen, sagt Wintermann. Genauso wichtig sei aber auch die Erkenntnis, dass die Generationen in unterschiedlichen Realitäten lebten. Während die Älteren sich über die klassischen Medien Fernsehen, Radio und Zeitung informieren und unterhalten lassen, benutzen die Jüngeren das Internet, eine App oder folgen ihren Stars auf YouTube. Das gelte es zu akzeptieren, sagt der 50-Jährige und fordert: “Mehr Demut mit der eigenen Überzeugung.”

Der digitale Wandel biete viele Chancen und sei unvermeidbar. Sein Arbeitsalltag habe sich schon verändert, sagt der Projektleiter der Bertelsmann-Stiftung. Alles, was er den ganzen Tag an seinem Schreibtisch und seinem Computer mache, sei in drei Worten zusammengefasst: aufnehmen, verarbeiten, weitergeben.

Von Hans-Georg Gottfried Dittmann, Online-Redaktion

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