„Umsatz statt Information?“ Warum auch Wahlinformationen der Redaktion nicht umsonst zu haben sind

Zahlreiche informative Formate hat sich die Redaktion zum Bürgermeister-Wahlkampf einfallen lassen - darunter die interaktive Thinglink-Grafik "Fünf Fragen, 55 Wörter". Repro: MT

Zahlreiche informative Formate hat sich die Redaktion zum Bürgermeister-Wahlkampf einfallen lassen – darunter die interaktive Thinglink-Grafik „Fünf Fragen, 55 Wörter“. Repro: MT

Von: Leserin-Name [name@mailadresse.de]
Gesendet: Dienstag, 8. September 2015 20:33
An: Redaktion Lokales
Betreff: Artikel „Die Steckbriefe der Mindener Bürgermeisterkandidaten“ vom 15.07.2015

Sehr geehrtes MT,

während meiner Recherche zu der bevorstehenden Bürgermeisterwahl in Minden, bin ich auf den o.g. Artikel auf Ihrem Internetauftritt zu den Bürgermeisterkandidaten gestoßen. Mit Bedauern musste ich feststellen, dass dieser bereits mehrere Wochen alte Artikel noch immer kostenpflichtig ist. Ich bin überzeugt davon, dass Wahlen die Basis unserer Demokratie darstellen. Hierzu gehört in meinen Augen auch die Informationsbeschaffung. Gerade hier tragen die Medien eine besondere Verantwortung. Genau diese trägt auch das MT als lokales Medium in Minden im Hinblick auf die Bürgermeisterwahl. Deshalb kann ich es in diesem Fall nicht nachvollziehen, dass der monetäre dem informativen Aspekt vorgezogen wird. Besonders junge Menschen informieren sich vorwiegend über das Internet zu den anstehenden Wahlen. Durch die Kostenpflicht der Artikel schrecken Sie diese jedoch ab und fördern die ohnehin schon geringe Wahlbeteiligung auf kommunaler Ebene. Warum werden junge Menschen und sozial schwächere Personen durch kostenpflichtige Artikel bei der politischen Informationsgewinnung behindert? Ich finde es bedauerlich, dass hier der finanzielle Faktor überwiegt. Umsatz statt Information?

Beste Grüße

Leserin-Name

ANTWORT DER CHEFREDAKTION

Von: Christoph Pepper [christoph.pepper@MT.de]
Gesendet: Mittwoch, 9. September 2015 17:38
An: Leserin-Name [name@mailadresse.de]
AW: Artikel „Die Steckbriefe der Mindener Bürgermeisterkandidaten“ vom 15.07.2015

Sehr geehrte Frau Leserin-Name,

vielen Dank für Ihre Mail. Und Dank auch für Ihr Interesse an unserer Berichterstattung. Gern antworte ich auf Ihre Fragen.

Lassen Sie mich mit der letzten anfangen: „Umsatz statt Information?“ formulieren Sie anklagend. Da wäre zunächst ein Missverständnis auszuräumen: Ohne Umsatz (vielmehr noch: ohne Gewinn) ist es uns gar nicht möglich, zu informieren. Nur aus dem Ertrag wirtschaftlicher Arbeit (= Einnahmen minus Ausgaben) nämlich können wir unsere Redakteurinnen, Redakteure und Verlagsangestellten bezahlen, die Drucker und Online-Spezialisten, die Räume, Maschinen, Server, Kameras, Computer, die Fahrzeuge und Internetzugänge, die Satellitenanschlüsse und Nachrichtenagenturen, die Steuern, Sozialabgaben und all die vielen Dinge mehr, die der Betrieb eines Medienunternehmens nun einmal erfordert .

Ich weiß nicht, welchem Beruf Sie nachgehen, falls Sie berufstätig sind. Falls ja: Irgendjemand wird Sie dafür bezahlen müssen, ebenso wie all die damit zusammenhängenden Kosten auch. Im Gegensatz zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der aus einer Zwangsabgabe aller Haushalte, quasi also einer Steuer, finanziert wird, müssen privatwirtschaftlich organisierte Medien wie wir ihre für den Geschäfts- (und das heißt bei uns auch: Redaktions-)Betrieb notwendigen Kosten selbst erwirtschaften. Und am besten dabei auch einen Gewinn machen, um in Weiterentwicklungen (wie zum Beispiel digitale Technik, Videokameras, Online-Angebote etc.) investieren zu können.

Ich finde es wie Sie bedauerlich, dass jüngere oder sozial schwächere Menschen niedrigere Budgets zur Verfügung haben und diese im Zweifel und aus verständlichen Gründen lieber für andere Dinge als Information nutzen. Ändern kann ich es nicht. Im Gegensatz zur Haushaltsabgabe für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, die zum Beispiel sozial schwächeren von Gesetzes wegen erlassen wird, gibt es auch niemand, der vom Staat von Gesetzes wegen verpflichtet wird, diese Kosten mit zu übernehmen – etwa den Gebühren- bzw. Steuerzahlern. Die Kosten für Freiexemplare – bzw. freie Online-Information – für alle, die selber nicht zahlen können oder wollen, prinzipiell auf die Zahlungsbereiten umzulegen, scheidet ebenfalls aus; aus verständlichen Gründen, denke ich. Leider ist es nicht möglich, Online-Angebote oder eine gute Zeitung ausschließlich durch Werbung zu finanzieren. Wir – wie andere – haben das versucht, es klappt nicht. Also müssen wir die Nutzer an den Kosten beteiligen.

So viel zum Allgemeinen. Jetzt zum Besonderen: Ja, Sie haben Recht. Wahlen sind die Basis unserer Demokratie. Frei zugängliche Informationen sind ein weiteres Fundament unserer Demokratie, auch und gerade über Wahlen. An Informationen mangelt es aber auch nicht in unserer Demokratie, auch nicht an frei zugänglichen. Staatliche Stellen und Behörden informieren über alle möglichen Kanäle, die Parteien und Kandidaten, alle möglichen Medien anderer Natur und mit anderen Finanzierungsgrundlagen als wir. Diese Informationen stehen jedermann – oft kostenfrei – zur Verfügung, man muss sie sich in der Regel allerdings selbst zusammensuchen und beschaffen. Auch kann man vielleicht nicht immer von unabhängiger Information ausgehen. Nicht zuletzt: die Qualität und Seriosität wird unterschiedlich sein.

Eine Zeitungs- (und Online)Redaktion steckt viel Arbeit in die Informationen, die sie für ihre Leserinnen und Leser recherchiert, sammelt und aufbereitet. Wenn Sie in unserer Seitensuche oder in der Tag-Cloud die Stichworte zur Bürgermeisterwahl anklicken oder auf den – kostenfrei zugänglichen – Übersichtsseiten nach Themen suchen, werden Sie feststellen, wie viel Mühe sich die Redaktion mit diesen Bürgermeisterwahlen gemacht hat, wie viel Veranstaltungen sie besucht und darüber berichtet hat, wie viel eigene Themen, eigene Veranstaltungen und Formate sie entwickelt hat, damit die Leserinnen und Leser, online wie gedruckt, sich ein Bild von den Kandidaten machen können. Niemand hat das ehrenamtlich gemacht, niemand hat uns den dafür erforderlichen Apparat kostenfrei zur Verfügung gestellt. Auch nicht für die Steckbriefe.

Wir kommen nicht dran vorbei, liebe Frau Leserin-Name: Wer von diesen Informationen profitieren, wer sie nutzen will, der muss sich in irgendeiner Form an den Entstehungskosten beteiligen. 99 Cent für einen Tagespass, mit dem Sie auf alle Artikel der letzten 90 Tage Zugriff haben, halten wir da nicht für übertrieben.

Vielen Dank, wenn Sie bis hierhin gelesen haben – es ist eine etwas ausführlichere Antwort als Sie vielleicht erwartet haben. In jedem Fall ist es eine ehrliche. Ich hoffe,  Ihnen unser Grundproblem einigermaßen verständlich dargestellt zu haben. Schön, dass Sie sich für unsere Demokratie engagieren und die Bedeutung der unabhängigen Information dafür erkennen. Würde mich freuen, wenn Ihnen das in Zukunft auch etwas wert wäre.

Freundliche Grüße sendet Ihnen

MINDENER TAGEBLATT / MT.de

Christoph Pepper, Chefredakteur

ANTWORT DER LESERIN:

Von: Leserin-Name [name@mailadresse.de]
Gesendet: Sonntag, 13. September 2015 16:50
An: Christoph Pepper
AW: Artikel „Die Steckbriefe der Mindener Bürgermeisterkandidaten“ vom 15.07.2015

Sehr geehrter Herr Pepper,

über Ihre ausführliche Antwort habe ich mich sehr gefreut.

Gerne möchte ich noch klarstellen, dass ich die Arbeit Ihrer Redakteurinnen, Redakteure und Verlagsangestellten schätze. Da mir die Grundzüge der Marktwirtschaft durchaus bekannt sind, finde ich die Preise für beispielsweise einen Tagespass sowie die Kostenpflicht der Mehrheit der Artikel vollkommen angemessen. Auch richtet sich mein Unmut nicht gegen die generelle Beteiligung der Leser an den Kosten, sondern bezieht sich lediglich auf die Artikel im Zusammenhang mit der Bürgermeisterwahl. Dennoch finde ich es bewundernswert, wie detailliert die Antwort ausgefallen ist und mit welcher Gewissenhaftigkeit das MT mit solcher Kritik umgeht.

Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Wahlsonntag und verbleibe mit besten Grüßen

Leserin-Name

ANTWORT DER CHEFREDAKTION

Von: Christoph Pepper [christoph.pepper@MT.de]
Gesendet: Sonntag, 13. September 2015 18:43
An: Leserin-Name [name@mailadresse.de]
AW:AW: Artikel „Die Steckbriefe der Mindener Bürgermeisterkandidaten“ vom 15.07.2015

Sehr geehrte Frau Leserin-Name,

schönen Dank für Ihre Antwort. Freut mich, dass Sie die Arbeit des Mindener Tageblatts schätzen. Wir werden auch heute Abend wieder versuchen, unser Bestes zu geben, um unsere Leserinnen und Leser – gedruckt und online – angemessen informieren zu können. Schauen Sie doch mal rein, der Live-Ticker ist heute Abend übrigens kostenlos 😉

Freundliche Grüße

Christoph Pepper, Chefredakteur

 

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