24. Oktober 2011
Selten kommt es so wie es geplant ist, das ist hier im Kongo ganz offensichtlich nicht anders. Statt in Kinshasa tätig zu werden, werde ich beim aktuellen Schwerpunkt Mission, nämlich der Verteilung der biometrischen Ausweise in der Provinz Bandundu eingeteilt. Ziel ist es innerhalb von zwölf Tagen circa 1.300 Truppenausweise an die Einheiten der Force Armée de la République Démocratique du Congo (FARDC) in Kikwit, Ilebo, Kenge und Bandundu Stadt auszugeben.

Die Eusec-Soldaten geben Ausweise aus.
Nachdem von 2005 bis 2009 alle Soldaten der kongolesischen Streitkräfte biometrisch erfasst wurden, d.h. mit ihren persönlichen Daten, Fotos und Fingerabdrücken, bekommen diese nun auch Truppenausweise im Scheckkartenformat. Dazu muss sich jeder Soldat bei der Ausgabe per Fingerabdruck identifizieren lassen und bekommt erst danach seinen persönlichen Truppenausweis. Die Aufgabe des Eusec-Personals ist dabei, die logistische Unterstützung des zwölf Mann starken Teams der FARDC während der Verlegung und während der Verteilung der Ausweise sicherzustellen.
Wie sich schnell herausstellt ist das Hauptproblem der unbekannte Zustand der Verkehrswege von Kikwit nach Ilebo und dann weiter nach Bandundu Ville. Wir brechen am Sonntag Morgen gegen 6 Uhr von Kinshasa Richtung Kikwit mit zwei Fahrzeugen auf und kommen nach acht Stunden Fahrzeit im 520 Kilometer entfernten Kikwit an. Nachdem wir uns im Hauptquartier der 1. Militärregion gemeldet haben müssen wir als erstes Unterkunft für die geplanten drei Nächte vor Ort organisieren, als auch Stromgeneratoren. Strom gibt es hier im Schnitt nur ein bis zwei Stunden pro Tag und in den Hotels gibt es schon mal gar kein fließendes Wasser zum Waschen und Duschen.

Lauter Probleme: Ein Motorschaden auf der Stecke
In den zwei folgenden Tagen werden circa 500 Ausweise ausgegeben und die Frage des weiteren Transports der FARDC nach Ilebo geklärt. Es wird ein zusätzlicher Jeep für das FARDC-Team durch uns angemietet. Nach Ilebo sollen es rund 430 Kilometer sein, also eigentlich an einem Tag gut zu schaffen, jedenfalls wird das so von unseren Kameraden der FARDC kommuniziert. Auf Nachfrage erklärt man uns, dass von unseren Ansprechpartnern in den letzten zehn Jahren kein einziger diese Strecke zurückgelegt hat. Für jedes der Fahrzeuge haben wir ungefähr 150 Liter Diesel als Reserve und als Zahlungsmittel für die Fahrten mit den Fähren über die Flüsse Kwilu und Karzai dabei.
Am Mittwoch Morgen gegen 8 Uhr verlassen wir Kikwit im Konvoi und haben zu Beginn noch 30 Kilometer geteerte Straße vor uns. Dies ändert sich danach schlagartig. Sandige unbefestigte Wege, die durch Savannen und tropische Wälder führen prägen das Bild. An jedem Ort, den wir passieren, springen die Kinder auf und laufen unter lauten „Mundele“- Rufen (Lingala für “der Weiße”) neben und hinter dem Pickup her. Durch die auf dieser Strecke unregelmäßig verkehrenden Laster ist die Strecke mit tiefen Fahrspuren durchzogen, so dass der Weg selbst für geländegängige Fahrzeuge nur schwer zu bewältigen ist.

Major Matthias C. mit Kindern in einem kongolesischen Dorf
Gegen Mittag kommt dann noch ein ausgewachsenes Tropengewitter von zwei Stunden Dauer dazu und zwingt uns unsere Geschwindigkeit noch weiter zu reduzieren. Wir bleiben mehrmals im feuchten Sand mit den Fahrzeugen stecken. Gegen 18 Uhr und zurückgelegten 190 Kilometern beschließen wir eine Unterkunft zu suchen. Das erste Dorf am Wegesrand heißt Bambudi und ohne zu zögern gewährt uns der Dorfälteste Unterkunft in einer derzeit freien Hütte. Während wir die Fahrzeuge entladen sammelt sich das Dorf um uns und die „Mundele“ sind natürlich interessant, vor allem für die Kinder. Wir fragen ob wir auch ein Bilder machen dürfen und irgendwann fragt der Dorfälteste ob die Kinder uns denn einmal anfassen dürften. Natürlich lassen wir uns anfassen und haben bald einen ganzen Knäuel, teilweise ängstlicher und andererseits lachender, aber vor allem neugieriger Kinder um uns herum.
Am nächsten Morgen verabschieden wir uns und der ganze Ort kommt zur Verabschiedung. Nach weiteren sieben Stunden Fahrt kommen wir dann in Ilebo an. Dort wird sofort mit der Ausgabe der Ausweise begonnen und ich versuche für die Fahrzeuge und die Überfahrt mit den Fähren 600 Liter Diesel auf dem örtlichen Markt zu bekommen. Dies stellt sich als gar nicht so einfach heraus und natürlich sind die Preise zu denen einem Europäer Sprit angeboten wird weit von den tatsächlichen realen Preisen entfernt. Nach länglichen Verhandlungen mit den einheimischen Händlern bekommen wir den benötigten Sprit zu einem akzeptablen Preis.
Am nächsten Morgen gegen 6 Uhr wird der Rückmarsch in Angriff genommen. Gegen 22 Uhr, nach nur 250 Kilometer, sind wir dann in Idiofa gezwungen ein lokales Hotel für vier Dollar pro Nacht zu nehmen, da ein erneutes Tropengewitter die Weiterfahrt unmöglich macht. Am nächsten Tag schaffen wir bis Mittag die restliche Strecke bis Kikwit und geben dort an die Nachzügler Truppenausweise aus. Einige Soldaten haben Anreisen von einer Woche und mehr hinter sich, nur um endlich Ihren Ausweis zu erhalten. Bei einigen führt dies zu spontanen Freudentänzen, wenn sie ihren Ausweis erhalten haben, da das gleichzeitig bedeutet, dass sie auch auf den Soldlisten geführt sind und nun die Hoffnung haben regelmäßig bezahlt zu werden.

Stolze Besitzer eines Truppenausweises
In den folgenden vier Tagen geben wir noch Truppenausweise in Kenge und Bandundu Stadt aus. Das Eusec-Team verlegt mit dem Pickup an zwei Tagen nach Bandundu Stadt. Für den Transport der FARDC von Kikwit nach Bandundu Stadt haben wir ein Boot gemietet, das die Strecke an einem Tag zurücklegen sollte, jedoch bleibt dies etwa 100 Kilometer flussaufwärts von Bandundu mit Motorschaden liegen. Also bleibt uns nichts anderes übrig als von Bandundu Stadt aus ein Fahrzeug zu mieten um unsere Partner aus dieser misslichen Lage zu befreien.
Es gibt zuerst kein Fahrzeug, das man mieten könnte, dann ist das Fahrzeug, das wir mieten wollten, defekt und so zieht es sich hin bis wir endlich unser Team der FARDC abholen lassen können. Mit „nur“ drei Tagen Verspätung sind sie dann endlich auch angekommen. Wir haben jedenfalls einige Nerven gelassen beim Versuch ein Fahrzeug zu finden zu einem vernünftigen Preis. Wenn ein Fahrzeug vorhanden ist, dann beginnt der Preis, zu dem es von uns Europäern angemietet werden kann, oftmals bei 1.000 Dollar am Tag, was ungefähr das Zehnfache des hier sonst üblichen Preises ist. Natürlich kostet der Sprit extra und sonstige Kosten sind natürlich nicht eingeschlossen.
Von den geplanten 1.300 Ausweisen haben wir bis zum Ende der Außenmission mehr als 1.000 ausgegeben. Einige Einheiten wurden aufgrund von Vorkommnissen im nördlichen Bereich des Kongo wieder zu Ihren Stützpunkten zurückbeordert und konnten deswegen die Ausweise nicht empfangen.
Wir sind auf jeden Fall froh, nach dieser Mission wieder in Kinshasa in unseren Unterkünften zu sein, fließend Wasser und ständig Strom zu haben. Wir haben gut in der Zeit gut 3000 Kilometer zurückgelegt und sind froh, dass die Verteilung der Truppenausweise in der Provinz Equateur wahrscheinlich erst in 14 Tagen beginnt. Bis dahin nutzen wir die Tage zur Aufbereitung des Materials der letzten Mission und zur Vorbereitung der Verlegung nach Equateur. Dort werden wir sicher auf andere Herausforderungen treffen als bei der letzten Mission.