Woche 12: Abwarten der Wahlergebnisse

18. Januar 2012

Polizei und Republikanische Garde an strategischen Punkten

Die Wahlen fanden am 28. November 2011 wie geplant statt und nun sollen am 06. Dezember 2011 die Ergebnisse bekanntgegeben werden. Da sich Ausschreitungen während der Auszählu

ngen und der anschließenden Bekanntgabe der Ergebnisse nicht ausschließen lassen, hat die Missionsführung die Sicherheitsstufe angehoben und wir beschränken unsere Bewegungen in Kinshasa auf das dienstlich Notwendige. Zusätzlich sind wir mit Handfunkgeräten und Diensthandys ausgestattet, um jederzeit erreichbar zu sein. Der Ausgang nach Dunkelheit ist begrenzt worden und wir haben unsere Sachen für den Fall einer Evakuierung zusammengepackt. Andere Organisationen haben ihr Personal ausgeflogen oder nach Brazzaville auf der anderen Seite des Flusses Kongos geschickt.

Wenn wir tagsüber nun zum Verteidigungsministerium fahren, kommt uns die sonst so lebendige Stadt fast wie ausgestorben vor. Kaum ein Fahrzeug ist auf den Straßen, die kleinen Läden in den Seitengassen sind geschlossen, genau wie Restaurants und Supermärkte. Die starke Präsenz der Police National du Congo (PNC) und der Guard Républicaine (GR=Republikanische Garde) ist auffallend. An allen wichtigen strategischen Punkten sind entweder Polizisten in Riot Control Ausrüstung (Ausrüstung bei Demonstrationen) oder Militär. Sieht man sonst bei den Wachen der Kasernen und des Ministeriums wenig schwere Waffen, sind diese nun deutlich sichtbar, auch als Abschreckung. Zusätzlich fahren Patrouillen der PNC und GR, als auch der MONUSCO (United Nations Organization Stabilization Mission), nachts durch Kinshasa.

Die vorläufigen Ergebnisse werden dann fast drei Tage später als geplant bekanntgegeben. Während dieser Zeit und am Tag danach ändert sich an der Situation in Kinshasa wenig. Es gibt zwar einige Ausschreitungen in bestimmten  Wohnvierteln, aber davon bekommen wir in unseren gut bewachten Villen wenig mit. Nach weiteren vier Tagen kehrt dann auch ganz langsam das Leben wieder zurück. Die Kinois müssen Geld verdienen, um sich und ihre Familien versorgen zu können, denn das war ja eine Woche lang gar nicht möglich. Und da eine Vorratshaltung wie in Europa hier nicht üblich ist, haben sie gar keine andere Wahl.

Woche 11: Tagesablauf bei EUSEC- Kinshasa

18. Januar 2012
Eine Straße im Zentrum Kinshasas

Eine Straße im Zentrum von Kinshasa.

Rahmendienstzeit ist von 8 Uhr bis 17 Uhr von Montag bis Freitag und samstags von 9 Uhr bis 13 Uhr. Aber natürlich werden diese Zeiten regelmäßig überschritten und man sitzt abends noch zusammen, um bestimmte Vorhaben abzusprechen und Dinge für den nächsten Tag vorzubereiten. Die restliche Zeit der Woche ist Bereitschaftszeit und wenn nötig wird dann natürlich auch gearbeitet.

Da das Mittagessen ab 13 Uhr im Speisesaal serviert wird, konzentriert sich der Großteil der Zusammenarbeit mit den FARDC (kongolesische Regierungsarmee) auf den Vormittag. Ab 14 Uhr sind die kongolesischen Partner und Ansprechpartner in den seltensten Fällen in ihren Büros anzutreffen. Allerspätestens um 15 Uhr versuchen sie sich auf den Heimweg zu machen, da der öffentliche Personennahverkehr sich äußerst schwierig gestaltet. Sollte es dann auch noch regnen, kommen nur wenige Soldaten zum Arbeitsplatz, denn dann bricht der der öffentliche Verkehr völlig zusammen bis die Straßen wieder getrocknet sind.

Also geben uns ganz oft die FARDC die Arbeitsgeschwindigkeit vor, was manchmal frustrierend sein kann. Dinge, die bei uns an einem Tag erledigt werden, dauern hier einfach viel länger. Fragt man nach, wie lange etwas dauert, bekommt man oft zu hören: „Les européens ont la montre, les congolais le temps!“ (Die Europäer haben eine Uhr, wir Kongolesen haben Zeit!).

Wann immer es die Arbeit zulässt, sammeln sich einige EUSEC Angehörige um 17 Uhr um gemeinsam im Botschaftsviertel Laufen zu gehen. Gegen 18 Uhr ist es dann auch schon dunkel. Ab 19 Uhr kann man dann zum Abendessen gehen.

Woche 10: Leben und Verpflegung in der Mission

11. Januar 2012

Jeder hat ein eigenes Zimmer - das Moskitonetz ist Pflicht.

Was EUSEC (European Union Security Mission) wohl von den meisten anderen Bundeswehr-Einsätzen unterscheidet ist, dass wir hier in Kinshasa nicht in einem Feldlager oder Containern, sondern in mehreren angemieteten Häusern leben. Diese sogenannten neun „Villen“ sind ganz normale Wohnhäuser, welche zwei bis drei Bäder und bis zu fünf Zimmer haben. Die Zimmer werden sowohl als Wohn- und als Büroraum genutzt und haben alle einen Internetanschluss. Ein Wohnzimmer gibt es auch, welches aber oftmals auch als Besprechungsraum oder Lager missbraucht wird.

Wie ein Gemeinschaftsraum genutzt wird, hängt maßgeblich davon ab, ob zum Beispiel die Logistik der Mission die Mehrzahl der Zimmer einer Villa besetzt, denn dann wird er meistens zum Lagerraum umfunktioniert. Zusätzlich gibt es ein Gebäude, das als zentrales Hauptquartier und Stabsgebäude genutzt wird, und ein weiteres, das die Küche und den Speisesaal der Mission beherbergt.

Wir können hier nach vorheriger Anmeldung von Montag bis Samstag an einer durch uns selbst finanzierten Verpflegung teilnehmen. Die kongolesisch-belgische Küche wird von einem luxemburger Kameraden mit viel Herzblut geführt. Wie so oft schlägt sich auch hier die Qualität der Küche direkt auf die Stimmung in der Mission nieder.

Europäische Hygienevorschriften sind hier zwar nicht einzuhalten, aber unsere lokalen kongolesischen Köche zaubern immer wieder einen leckeren Mix aus einheimischen und europäischen Gerichten auf den Tisch. Wer hungrig vom Tisch aufsteht ist selber schuld. Kongolesische Gerichte wie „Liboke“ (in Palmenblättern gegartes Fleisch oder gegarter Fisch) oder gegarte Palmenherzen kommen genauso vor, wie Cordon bleu mit Pommes. Als Nachtisch gibt es regelmäßig frisches Obst vom lokalen Markt. Sollte man einmal nicht in der Mission essen gehen wollen, dann stehen einem eine Reihe internationaler Restaurants in Kinshasa offen. Libanesische, chinesische, italienische, portugiesische und kongolesische Restaurants bieten für fast jeden Geschmack etwas.

Wir nutzen regelmäßig diese Möglichkeit am Abend auch mal außerhalb der Mission zu essen. Die Preise für z.B. eine Pizza liegen bei ca. 20 US-Dollar und Krokodil liegt bei 25 US-Dollar, sodass man immer mit ca. 30 US-Dollar pro Essen rechnen muss. Die meisten Kinois (so nennen sich die Bewohner Kinshasas selbst) essen nur einmal am Tag und von 30 US-Dollar verpflegen sie sich unter Umständen einen halben Monat.

Woche 9: Wahlkampf in Kinshasa

10. Januar 2012

Die für den 28. November 2011 angesetzten Präsidentschafts- und Parlamentswahlen lassen das ansonsten ziemlich triste und graue Kinshasa plötzlich in einem ganz neuen Licht erscheinen. Alle Flächen, Häuserwände, Fahrzeuge und selbst Straßenlampen sind von oben bis unten mit Plakaten der Kandidaten gepflastert. Je bunter desto besser.

Fahrzeuge, Motorräder oder Fußgänger werden als mobile Lautsprecheranlagen genutzt und bewegen sich ab 4 Uhr morgens durch die Stadt um per Durchsage Werbung für ihren Kandidaten zu machen. Auch hier gilt: Hauptsache die Durchsagen sind laut. Zur Zeit brauche ich jedenfalls keinen Wecker, um zu wissen wieviel Uhr es ungefähr ist, wenn ich durch eine Durchsage geweckt werde. Manchmal habe ich sogar den Eindruck, dass vor unserem Haus besonders lange und laut um Stimmen geworben wird, aber das täuscht bestimmt.

Die verschiedenen Kandidaten zur Präsidentschaftswahl fahren in großen Konvois mit ihren Anhängern von Veranstaltung zu Veranstaltung. Unterstützt von Polizei oder Militär nimmt man kaum Rücksicht auf die Bevölkerung oder den Verkehr und erzwingt sich seinen Weg mit lautem Gehupe und dem Einsatz der Sirenen. Verkehrsregeln scheinen in diesen Fällen nicht zu existieren. Die restlichen Verkehrsteilnehmer versuchen durch fluchtartiges rechts ranfahren den Weg freizumachen, was im sowieso schon chaotischen Straßenverkehr gar nicht so einfach ist.

Sofern wir mit dem Fahrzeug unterwegs sind, versuchen wir diesen Konvois weitgehend aus dem Weg zu gehen. Samstags und sonntags gibt es große Wahlkampfveranstaltungen, die sich dann als Demonstration durch die Stadt bewegen. Zu sehen sind Flaggen der Parteien, bunt geschmückte Autos mit Bildern der Kandidaten und zwischendrin alte Lkws bis oben hin voll mit den verschiedenen Anhängern der Parteien, die Werbung verteilen, wie bei uns Süßigkeiten zu Karneval.

Wochen 7 und 8 Verlegung in die Provinz Equateur und Eindrücke von Mbandaka

05. Dezember 2011

Woche 7

Verlegung in die Provinz Equateur

Einweisung in den Ablauf der Ausgabe der TruppenAusweise

Wir verlegen am 2. November wie geplant mit einem Flug der MONUSCO nach Mbandaka. Der Ort liegt genau auf dem Äquator und an einem ca. 1km breiten Nebenarm des Kongo und wir realisieren schnell den Unterschied zu Kinshasa. Es ist noch heißer und feuchter und auch die Infrastruktur ist hier deutlich schlechter. Als erstes bemühen wir uns um eine Unterkunft für die nächsten ein bis zwei Wochen und danach um die weitere Vorbereitungen vor Ort in der 3. Region Militaire (RM). Strom gibt es von 18 Uhr bis 22 Uhr, wenn überhaupt. Ansonsten ist man auf die Generatoren des Hotels angewiesen, was nicht bedeutet, dass diese auch funktionieren, wie wir schnell feststellen müssen. Ein Hotelzimmerpreis zwischen 80 und 150 USD pro Nacht ohne Frühstück ist völlig normal. Fließendes Wasser gibt es nicht, sondern braunes Wasser aus großen Fässern, die in den Bädern stehen. Allerdings gibt es zwei Klimaanlagen und einen großen Flachbildschirm im Zimmer. Leider ist die Stromspannung, wenn es Strom gibt, so gering, dass keines der Geräte funktioniert. Der Kommentar des Hoteliers: „C´est le Congo“.

Ausgabe der Truppenausweise in Mbandaka

teilgeladene Waffen

Insgesamt sind wir hier fünf EUSEC- Mitglieder. Drei werden sich um die technische und logistische Unterstützung der Gesamtmission mit den fünf Teams kümmern und ein niederländischer Hauptmann und ich werden, das Team das hier die Truppenausweise ausgeben soll, betreuen und mit Rat und Tat zur Seite stehen. In der 3. Region Militaire (RM) ist überraschenderweise unser Material pünktlich angekommen. Unsere kongolesischen Partner bereiten am nächsten Tag die Cafeteria der 3. RM für die Ausgabe der Ausweise vor. Um die Cafeteria herum sammeln sich schon einen Tag vor Beginn der Ausgabe immer mehr ungeduldige Soldaten, die alle ihre Truppenausweise haben wollen. Man stellt uns eine Gruppe Militärpolizisten und zwei Sicherheitsoffiziere zur Seite, die einen geordneten Ablauf der Ausgabe unterstützen sollen. Es wird ein Bereich vor dem Eingang abgesperrt, der als waffenfreie Zone während der Ausgabe dienen soll. Dies führt dazu, dass jeder Soldat, der seinen Ausweis empfangen soll, seine teilgeladene Waffe genau dorthin wirft und wir zeitweise einen Haufen Sturmgewehre dort liegen haben. Hier treffen kongolesisches und europäisches Sicherheitsverständnis aufeinander und uns bleibt nichts anderes übrig als das zu akzeptieren. Die Ausgabe der Ausweise läuft relativ geordnet nach Einheiten ab. Problematisch wird es immer dann, wenn Soldaten einer Einheit keinen Ausweis bekommen, weil der entweder nicht aus Kinshasa mitgebracht wurde oder der Ausweis sich bei einem anderem Team an einem anderen Ort befindet oder der Soldat eigentlich demobilisiert wurde. Dies führt zu sichtbarer Verärgerung und Enttäuschung bei den kongolesischen Soldaten. Unser Team versucht zu vermitteln, um die zeitweise aufgeheizten Gemüter zu beruhigen. Wir bestellen, wenn möglich, fehlende Karten in Kinshasa nach und lassen uns diese dann durch EUSEC Personal, das auf der Durchreise in Mbandaka, ist mitbringen.

Woche 8

Verteilung der Truppenausweise am Fluss Kongo – ohne uns

Transportmittel Fahrrad

Nach sechs Tagen Ausgabe von Militärausweisen in Mbandaka verlässt uns unser kongolesisches Team, um die verschiedenen Marinestützpunkte flussabwärts, in einem von uns angemieteten Boot, mit Ausweisen auszustatten. Insgesamt ist geplant dabei ca. 600 Ausweise auszugeben. Aus Platz- aber vor allem aus Sicherheitsgründen sind wir gezwungen in Mbandaka auf die Rückkehr des Bootes und unseres Teams zu warten. Nach fünf Tagen kommt unser Team zurück und wir geben anschließend in drei Tagen noch ca. 200 Ausweise aus.

Eindrücke von Mbandaka

Transportweg Fluss

Dadurch haben wir dann etwas Zeit uns Mbandaka und die nahe Umgebung anzusehen. Da das Hotel in dem wir untergebracht sind kein Frühstück anbietet, nehmen wir in dem einzigen empfehlenswerten Restaurant alle drei Mahlzeiten zu uns. Vor allem morgens ist das ein angenehmer Ort mit Blick auf den Nebenarm des Kongo und angenehmen Temperaturen. Nebenbei können wir dann auch die Zubereitung frischen Fischs im Restaurant beobachten. Nach dem der Fisch mit der Machete auf einem Karton am Boden zerlegt worden ist, sind wir sicher, dass wir hier keinen Fisch mehr essen werden. Wir beobachten beim Essen das geschäftige Treiben auf dem Fluss. Pirogen bringen Palmenöl, Obst, Fisch und andere Güter in kleinen Mengen aus den umliegenden Orten nach Mbandaka. Große Schubfrachter aus Kinshasa transportieren von Edelhölzern bis zu Lastzügen alles was man sich vorstellen kann. Hier in der Provinz Equateur gibt es kaum befahrbare Straßen, alles wird ganz offensichtlich auf dem Wasserweg transportiert. In Mbandaka selbst gab es früher geteerte Straßen, aber aufgrund der mangelnden Wartung und der starken Regenfälle sind nur noch Fragmente von Teer zwischen den vielen Schlaglöchern zu sehen. Der Verkehr in Mbandaka steht im krassen Gegensatz zu dem Autochaos in Kinshasa. Hier wird alles, auch Personen, mit den sogenannten Taxi-Velos (Fahrrädern) oder mit chinesischen Mopeds transportiert.

Besuch der Sehenswürdigkeiten in Mbandaka

Versammelte Soldaten

Als besondere Attraktionen wird uns von den Einheimischen der Äquatorstein und der botanische Garten empfohlen, beides besuchen wir dann an einem Nachmittag. Leider ist der botanische Garten seit 30 oder 40 Jahren, Genaueres konnte uns der selbsternannte Vertreter des botanischen Gartens nicht sagen, nicht mehr unterhalten und gepflegt worden. Nach einer Führung von einer Stunde sind wir klatschnass geschwitzt und nicht wirklich viel schlauer, denn auf die Frage welche Pflanzen und Bäume wir denn jeweils sehen würden erhalten wir Antworten auf Lingala (westkongolesische Sprache) oder die Antwort, das wisse er auch nicht. Das Empfangsgebäude, an dem die Führung endet, ist völlig verrottet. Unter dem Dach hängen fünfzig oder sechzig Fledermäuse und die früher in Alkohol eingelegten Exponate sind ausgetrocknet. So endet die Führung im Park mit Eindrücken einer desolaten Infrastruktur, welche sich leider auch durch die gesamte Provinz Equateur und den Kongo zu ziehen scheint.

Wochen 2 und 3: 3000 Kilometer Strecke und viele defekte Fahrzeuge

24. Oktober 2011

Selten kommt es so wie es geplant ist, das ist hier im Kongo ganz offensichtlich nicht anders. Statt in Kinshasa tätig zu werden, werde ich beim aktuellen Schwerpunkt Mission, nämlich der Verteilung der biometrischen Ausweise in der Provinz Bandundu eingeteilt. Ziel ist es innerhalb von zwölf Tagen circa 1.300 Truppenausweise an die Einheiten der Force Armée de la République Démocratique du Congo (FARDC) in Kikwit, Ilebo, Kenge und Bandundu Stadt auszugeben.

Die Eusec-Soldaten geben Ausweise aus.

Nachdem von 2005 bis 2009 alle Soldaten der kongolesischen Streitkräfte biometrisch erfasst wurden, d.h. mit ihren persönlichen Daten, Fotos und Fingerabdrücken, bekommen diese nun auch Truppenausweise im Scheckkartenformat. Dazu muss sich jeder Soldat bei der Ausgabe per Fingerabdruck identifizieren lassen und bekommt erst danach seinen persönlichen Truppenausweis. Die Aufgabe des Eusec-Personals ist dabei, die logistische Unterstützung des zwölf Mann starken Teams der FARDC während der Verlegung und während der Verteilung der Ausweise sicherzustellen.

Wie sich schnell herausstellt ist das Hauptproblem der unbekannte Zustand der Verkehrswege von Kikwit nach Ilebo und dann weiter nach Bandundu Ville. Wir brechen am Sonntag Morgen gegen 6 Uhr von Kinshasa Richtung Kikwit mit zwei Fahrzeugen auf und kommen nach acht Stunden Fahrzeit im 520 Kilometer entfernten Kikwit an. Nachdem wir uns im Hauptquartier der 1. Militärregion gemeldet haben müssen wir als erstes Unterkunft für die geplanten drei Nächte vor Ort organisieren, als auch Stromgeneratoren. Strom gibt es hier im Schnitt nur ein bis zwei Stunden pro Tag und in den Hotels gibt es schon mal gar kein fließendes Wasser zum Waschen und Duschen.

Lauter Probleme: Ein Motorschaden auf der Stecke

In den zwei folgenden Tagen werden circa 500 Ausweise ausgegeben und die Frage des weiteren Transports der FARDC nach Ilebo geklärt. Es wird ein zusätzlicher Jeep für das FARDC-Team durch uns angemietet. Nach Ilebo sollen es rund 430 Kilometer sein, also eigentlich an einem Tag gut zu schaffen, jedenfalls wird das so von unseren Kameraden der FARDC kommuniziert. Auf Nachfrage erklärt man uns, dass von unseren Ansprechpartnern in den letzten zehn Jahren kein einziger diese Strecke zurückgelegt hat. Für jedes der Fahrzeuge haben wir ungefähr 150 Liter Diesel als Reserve und als Zahlungsmittel für die Fahrten mit den Fähren über die Flüsse Kwilu und Karzai dabei.

Am Mittwoch Morgen gegen 8 Uhr verlassen wir Kikwit im Konvoi und haben zu Beginn noch 30 Kilometer geteerte Straße vor uns. Dies ändert sich danach schlagartig. Sandige unbefestigte Wege, die durch Savannen und tropische Wälder führen prägen das Bild. An jedem Ort, den wir passieren, springen die Kinder auf und laufen unter lauten „Mundele“- Rufen (Lingala für “der Weiße”) neben und hinter dem Pickup her. Durch die auf dieser Strecke unregelmäßig verkehrenden Laster ist die Strecke mit tiefen Fahrspuren durchzogen, so dass der Weg selbst für geländegängige Fahrzeuge nur schwer zu bewältigen ist.

Major Matthias C. mit Kindern in einem kongolesischen Dorf

Gegen Mittag kommt dann noch ein ausgewachsenes Tropengewitter von zwei Stunden Dauer dazu und zwingt uns unsere Geschwindigkeit noch weiter zu reduzieren. Wir bleiben mehrmals im feuchten Sand mit den Fahrzeugen stecken. Gegen 18 Uhr und zurückgelegten 190 Kilometern beschließen wir eine Unterkunft zu suchen. Das erste Dorf am Wegesrand heißt Bambudi und ohne zu zögern gewährt uns der Dorfälteste Unterkunft in einer derzeit freien Hütte. Während wir die Fahrzeuge entladen sammelt sich das Dorf um uns und die „Mundele“ sind natürlich interessant, vor allem für die Kinder. Wir fragen ob wir auch ein Bilder machen dürfen und irgendwann fragt der Dorfälteste ob die Kinder uns denn einmal anfassen dürften. Natürlich lassen wir uns anfassen und haben bald einen ganzen Knäuel, teilweise ängstlicher und andererseits lachender, aber vor allem neugieriger Kinder um uns herum.

Am nächsten Morgen verabschieden wir uns und der ganze Ort kommt zur Verabschiedung. Nach weiteren sieben Stunden Fahrt kommen wir dann in Ilebo an. Dort wird sofort mit der Ausgabe der Ausweise begonnen und ich versuche für die Fahrzeuge und die Überfahrt mit den Fähren 600 Liter Diesel auf dem örtlichen Markt zu bekommen. Dies stellt sich als gar nicht so einfach heraus und natürlich sind die Preise zu denen einem Europäer Sprit angeboten wird weit von den tatsächlichen realen Preisen entfernt. Nach länglichen Verhandlungen mit den einheimischen Händlern bekommen wir den benötigten Sprit zu einem akzeptablen Preis.

Am nächsten Morgen gegen 6 Uhr wird der Rückmarsch in Angriff genommen. Gegen 22 Uhr, nach nur 250 Kilometer, sind wir dann in Idiofa gezwungen ein lokales Hotel für vier Dollar pro Nacht zu nehmen, da ein erneutes Tropengewitter die Weiterfahrt unmöglich macht. Am nächsten Tag schaffen wir bis Mittag die restliche Strecke bis Kikwit und geben dort an die Nachzügler Truppenausweise aus. Einige Soldaten haben Anreisen von einer Woche und mehr hinter sich, nur um endlich Ihren Ausweis zu erhalten. Bei einigen führt dies zu spontanen Freudentänzen, wenn sie ihren Ausweis erhalten haben, da das gleichzeitig bedeutet, dass sie auch auf den Soldlisten geführt sind und nun die Hoffnung haben regelmäßig bezahlt zu werden.

Stolze Besitzer eines Truppenausweises

In den folgenden vier Tagen geben wir noch Truppenausweise in Kenge und Bandundu Stadt aus. Das Eusec-Team verlegt mit dem Pickup an zwei Tagen nach Bandundu Stadt. Für den Transport der FARDC von Kikwit nach Bandundu Stadt haben wir ein Boot gemietet, das die Strecke an einem Tag zurücklegen sollte, jedoch bleibt dies etwa 100 Kilometer flussaufwärts von Bandundu mit Motorschaden liegen. Also bleibt uns nichts anderes übrig als von Bandundu Stadt aus ein Fahrzeug zu mieten um unsere Partner aus dieser misslichen Lage zu befreien.

Es gibt zuerst kein Fahrzeug, das man mieten könnte, dann ist das Fahrzeug, das wir mieten wollten, defekt und so zieht es sich hin bis wir endlich unser Team der FARDC abholen lassen können. Mit „nur“ drei Tagen Verspätung sind sie dann endlich auch angekommen. Wir haben jedenfalls einige Nerven gelassen beim Versuch ein Fahrzeug zu finden zu einem vernünftigen Preis. Wenn ein Fahrzeug vorhanden ist, dann beginnt der Preis, zu dem es von uns Europäern angemietet werden kann, oftmals bei 1.000 Dollar am Tag, was ungefähr das Zehnfache des hier sonst üblichen Preises ist. Natürlich kostet der Sprit extra und sonstige Kosten sind natürlich nicht eingeschlossen.

Von den geplanten 1.300 Ausweisen haben wir bis zum Ende der Außenmission mehr als 1.000 ausgegeben. Einige Einheiten wurden aufgrund von Vorkommnissen im nördlichen Bereich des Kongo wieder zu Ihren Stützpunkten zurückbeordert und konnten deswegen die Ausweise nicht empfangen.

Wir sind auf jeden Fall froh, nach dieser Mission wieder in Kinshasa in unseren Unterkünften zu sein, fließend Wasser und ständig Strom zu haben. Wir haben gut in der Zeit gut 3000 Kilometer zurückgelegt und sind froh, dass die Verteilung der Truppenausweise in der Provinz Equateur wahrscheinlich erst in 14 Tagen beginnt. Bis dahin nutzen wir die Tage zur Aufbereitung des Materials der letzten Mission und zur Vorbereitung der Verlegung nach Equateur. Dort werden wir sicher auf andere Herausforderungen treffen als bei der letzten Mission.

Woche 1: Die Ankunft in Kinshasa

04. Oktober 2011

Kinshasa, 1. Oktober 2011

Nach fast 17 Stunden Reise sind wir drei Deutschen am letzten Freitag am Flughafen N´Djili in Kinshasa angekommen. Empfangen wurden wir mit tropisch feuchtwarmen 29 Grad und natürlich mit den obligatorischen Einreisekontrollen der kongolesischen Behörden. Man merkt dabei sofort, dass Zeit in Afrika eine ganz andere Bedeutung hat als bei uns. Als dritter in der Schlange bei der Passkontrolle kann man schon mal fast eine halbe Stunde warten bis man selbst dran ist. Nachdem wir unser Gepäck zusammengesucht haben und das Gebäude verlassen, werden wir schon von dem deutschen Anteil der Eusec RD Congo erwartet.

Auf der 20 Kilometer langen Fahrt zur Mission konnten wir schon die ersten Einblicke zu Kinshasa gewinnen, sowie über die Verkehrszustände die hier herrschen. Fahrzeuge ohne Beleuchtung scheinen immer noch eher die Regel als die Ausnahme zu sein.

Am nächsten Morgen gab es gemeinsames Frühstück in einer der von der Mission angemieteten Villen. Danach begann die Einweisung in die Mission und der Empfang der wichtigsten Ausstattungsmittel, wie Handy und Telefonlisten. Daran schloss sich der administrative Teil an, Überprüfung der Visa, Impfausweise und Führerscheine. Danach übernahmen unsere Vorgänger die weitere persönliche Einweisung. Meine Vorgängerin befindet sich voraussichtlich bis zum Dienstag auf einer Außenmission in der Region Katanga, sodass eine telefonische Kontaktaufnahme erst einmal genügen muss. Nach dem Mittagessen wird eine Erkundungsfahrt in die nähere Umgebung der Mission durchgeführt. Der Boulevard du 30 Juin hat sich, seit meiner Abreise 2010, von einer riesigen Baustelle zu einer achtspurigen Hautverkehrsader entwickelt mit immer noch chaotischen Verkehrszuständen. Trotz Fahrbahnmarkierungen und Ampeln an den Kreuzungen sind Fahrzeuge auf unserer Spur in Gegenrichtung unterwegs.

Als erstes wird ein Supermarkt angesteuert um Wasserflaschen, Toilettenpapier und Insektenspray zu kaufen. Dort findet man überraschenderweise auch jede Menge Produkte die einem aus dem heimischen Supermarkt bekannt vorkommen. Der Preis liegt dann aber beim vier- bis fünffachen, z.B. Duschgel zwischen zehn und zwölf US-Dollar.

Der Rest der Woche ist von weiteren Einweisungen zur Geopolitik, zur Sicherheitslage und den Sicherheitsbestimmungen innerhalb der Mission geprägt. Zusätzlich steht die Organisation der Mission vor einer Neustrukturierung. Nach der Hälfte des zweijährigen Mandats wird die Struktur den neuen Bedürfnissen angepasst und ich werde wohl im Bereich der Personalverwaltung des kongolesischen Generalstabs eingesetzt werden. Mein neuer Vorgesetzter, ein Oberst i.R. der belgischen Streitkräfte wird mich dann in der nächsten Woche den kongolesischen Partnern vorstellen.

Meine Vorgängerin läßt auch auf sich warten. Aufgrund eines Defektes am Flugzeug der Monusco (Anm. der Red.: United Nations Organization Stabilization Mission in the Democratic Republic of the Congo) kann sie nicht wie geplant nach Kinshasa zurückkehren und kommt dann schließlich erst am Donnerstag Abend an. Das lässt für eine Übergabe am Freitag nicht wirklich viel Zeit und wir quetschen es so gut es geht zwischen Gepäckaufgabe und Abreise des „alten“ DtA Eusec RD Congo.

Vor der Mission – der erste Blog-Eintrag

28. September 2011

Auch wenn meine Mission erst Ende dieser Woche losgeht, schreibe ich heute meinen ersten Blog-Eintrag. Im Moment genieße ich die Zeit mit meiner Familie. In den Gesprächen mit meiner Familie nimmt der Einsatz immer mehr Raum ein. Wir sprechen noch einmal über Eventualitäten, wie Krankheit oder andere Probleme, die während des Einsatzes auftreten könnten. Unser kleiner 4 jähriger Sohn bemerkt natürlich die Veränderungen stellt regelmäßig Fragen, auf die ich keine wirklich guten Antworten habe. Trotzdem versuche ich seine Fragen nach bestem Wissen und Gewissen zu beantworten, auch wenn es ihm nicht einleuchtet warum Papa jetzt nach Afrika geht und nicht einfach hier bleiben kann.

Ich stelle fest, dass meine Gedanken immer wieder beim Zeitpunkt der Abholung und dem Beginn der Mission sind. Einige Fragen stellen sich mir, welche Aufgaben ich genau bei EUSEC übernehmen werde und was sich seit meinem letzten Einsatz vor einem Jahr verändert hat? Auch wenn ich äußerlich noch ruhig wirke bin ich innerlich angespannt. Meine Gedanken sind eine Woche vor dem Abflug manchmal schon mehr in Kinshasa als Zuhause in Deutschland.

Alle Vorbereitungen die man abschließen kann sind getroffen. Fünf Kisten für den Einsatz in der Mission sind gepackt und stehen im Keller. Immerhin gut 110kg Material (Bekleidung, Medikamente, Moskitonetz etc.) sind zusammengekommen. Ich hoffe ich habe an alles gedacht was ich im Kongo benötige und ertappe mich, wie ich immer wieder durch die Packliste gehe um zu kontrollieren ob ich nicht doch was übersehen habe. Da man in Kinshasa fast alles kaufen kann, sollte man etwas vergessen haben, muss ich mir ums Material eigentlich keine Sorgen machen.

Die Abholung von Zuhause wird von meiner Dienststelle übernommen, genauso wie der Transport nach Potsdam. Dort werden wir noch einen Tag lang intensiv mit Unterrichten und letzten Informationen versorgt, bevor es dann am nächsten Morgen mit dem Flieger von Berlin über Brüssel nach Kinshasa gehen soll.

Mit der Bundeswehr im Kongo – ein Portaner bloggt

28. September 2011

Gerade einmal vier Wochen ist es her, dass Major Matthias C.  im Mindener Tageblatt und auf MT-Online von seinem Bundeswehr-Einsatz im Kongo berichtete. Damals erzählte er von den Schwierigkeiten in Afrika und vom  ständigen Kampf mit der Uhr. Seine Erfahrungen sind hier nachzulesen.

Mittlerweile sitzt der 35-jährige Möllberger wieder auf gepackten Koffern, um nach Afrika aufzubrechen. In einem Blog wird er in den kommenden Monaten von seinen Erlebnissen, den Aufgaben und Eindrücken vor Ort berichten. Der Blog wird in unregelmäßigen Abständen aktualisiert, da C. bei seiner Mission keine ständige Internetverbindung hat.

Matthias C. – dessen Name auf Wunsch der Bundeswehr hier nur abgekürzt genannt werden darf – ist für die  EU-Mission EUSEC RD Congo in Afrika. Die Mission läuft seit 2005. Die EU entsendet seitdem Berater in den Kongo, die die Reform des Sicherheitsapparats im Land voranbringen sollen. Derzeit sind 50 EU-Abgesandte aus 14 Ländern im Kongo. Das Mandat läuft noch bis September 2012. Ziel der Mission ist es, die Rechtsstaatlichkeit, Sicherheit und Stabilität im Kongo zu verbessern. Dadurch soll langfristig die wirtschaftliche Entwicklung vorangetrieben werden. Geschult wird unter anderem die Verwaltung, das Militär, es gibt Regierungsberater und Unterstützung bei der Logistik (Mehr Infos unter www.consilium.europa.eu).

Matthias C. ist bereits zum zweiten Mal in dem afrikanischen Staat unterwegs. Kurz bevor er nach Afrika aufbrach, verfasste er seinen ersten Blog-Eintrag. Er ist ab sofort im Leser-Blog von MT-Online zu finden.

It’s Ayoba Time!

20. Juni 2010

2 Wochen, 3 Spiele. Wir drei, Christoph, Ntimbeku und ich, stehen zwar immer am Gate 306/7 des Stadions, aber empfinden jedes Spiel als ein neues, aufregendes Erlebnis. Routine hin oder her, wir werden immer mit neuen Fragen überrascht und auf die Probe gestellt.

An unserem ersten Spieltag, dem 11. Juni, traf Frankreich auf Uruguay, und ausgerechnet die häufigst gestellte Frage “Wo kann ich hier Wein kaufen?” hatten wir nicht im Briefing besprochen. Die Franzosen, die noch dazu häufig Baskenmützen trugen, machten den Clichés bewusst alle Ehre, wenn auch nur ein Fan mit bretonischem Fischerhemd und Baguette eintraf. Wirklich!

Das folgende Spiel, Italien gegen Paraguay, brachte wiederum andere Herausforderungen mit sich. Die Stewards (die Platzanweiser), die wir als Volunteers unterstützen sollten, folgten dem Beispiel von Durban und streikten ausgerechnet eine Stunde vor Ankunft der ersten Zuschauer. Sie verlangten mehr Geld und wurden kurzerhand allesamt gefeuert. Statt der Stewards werden jetzt in grossem Stil Polizisten eingesetzt, was den Zuschauern natürlich auffällt. Zuviel Polizei kommt auch nicht gut an! Nach einem chaotischen Andrang und einem plötzlichen Hagelschauer klappte am Ende doch alles, was auf dem Spielfeld dagegen nicht der Fall war. Viele Italiener  machten sich verfrüht auf den Weg nachhause, empört über das 1:1 Ergebnis.

England vs. Algerien.

Wenige Stunden vor Anpfiff trafen wir für eine “Besprechung der außergewöhnlichen Umstände” zusammen: Die Engländer kommen! Es war schon komisch zu hören, wie die Briten hier wahrgenommen und regelrecht gefürchtet wurden. Unter anderem hatte man für das abendliche Spiel die Polizeipräsenz sowie die Bierbestellung verdoppelt. Den Volunteers wurde geraten, sich auf eine ‘betrunkene, grölende und fluchende’ Menge einzustellen. Mehr Sorgen machte mir, dass mir nach dem Deutschland-Spiel das Lächeln nicht mehr gelingen wollte.

Doch das tat es. Die Freude der Engländer, wenn auch von vielen Fahnen – schwingenden und duftenden – begleitet, war ansteckend. Die etwas älteren Gentlemen zwinkerten mir im Vorbeigehen zu und die jüngeren Jungs erkundigten sich nach den Biersorten. Im großen und ganzen ging aber alles gesittet zu, nur eine Bierleiche bat darum zum nächsten Partyzelt getragen zu werden. William und Harry haben wir leider nicht zu Gesicht bekommen.

Wie immer kamen auch viele Südafrikaner zum Spiel, so auch eine Gruppe Blinde, die sich ihren Weg durch die Menschenmengen mithilfe ihrer Blindenstöcke und Begleiter bahnten. Unglaublich, aber wahr. Sie wollten die Atmosphäre im Stadion miterleben und ich wunderte mich, was sie wohl über die berühmt-berüchtigten Vuvuzelas sagen würden.

Morgen spielt Portugal gegen Nordkorea. Mal sehen.